Vom 14. bis 23. Juli fanden erneut die Genster Feste statt. Eines der größten Volksfeste und mehrtägigen Kulturfestivals ganz Europas. Zehn Tage lang Kultur in der Stadt, mit bezahlten und kostenlosen Aufführungen. Bekannte Namen in den Kultursälen und auf den Plätzen, daneben Straßenmusiker, die die Passanten oft überraschen. Bei den Hunderten von Veranstaltungen gibt es auch viel Klassisches. Ich besuchte etwa zehn Konzerte, Rezitale und Straßenaufführungen. Ein Eindruck von einigen Vokalkonzerten und einem Orgelrecital.
Close Opera in Huset
Oper auf deiner Haut. So kann man das viertägige Projekt Close Opera am besten beschreiben. Im Salon von Huset in der Hoogstraat ist Platz für etwa fünfzig Hörer. Dicht gedrängt ist kaum ein Meter zwischen der ersten Reihe und den Sängern. Am Abend des Nationalfeiertags sind Schüler der Sängerin Jolien De Gendt an der Reihe, zusammen mit Jolien selbst. Sopranistin Annelies Deweerdt und Mezzosopranistinnen Jente Totté und Sanderyn De Muynck in einem vielfältigen Programm mit Arien von Mozart, Johann Strauss, Schumann, Donizetti, Purcell usw. Manchmal singen sie solo, manchmal zu zweit vorne. Mit ihren lauten Stimmen füllen sie den ganzen Salon und all unsere Köpfe. Kleiderlich gibt es einen auffallenden Kontrast zwischen den Sängerinnen, die eine im Ballkleid, die andere in einem jungenhaften Jackett, aber das war anscheinend beabsichtigt und gehört zur scherzhaften Seite des Projekts. Die Einzige, die normal aussieht, ist Pianistin und Begleiterin Greet Steeman, Fels in der Brandung zwischen diesen wogenden Arien und Melodien. Als Ruhepunkt spielt sie auch den langsamen Satz aus der Sonate, für mich der packendste Moment des ganzen Abends. Am Ende singen alle vier zusammen Voi che sapete aus Le Nozze di Figaro und Jolien holt noch einen Sänger-Schüler aus dem Publikum, Bariton Xavier De Paepe. Zu fünft singen sie aus voller Kehle ihr ausgelassenes Finale Là ci darem la mano aus Don Giovanni.
Orgelrecital in der Sint-Michiels
In verschiedenen Kirchen wird während der Genster Feste die Orgel gespielt. Während der musikalischen Erholung ist am 22. Juli in der Sint-Michielskerk ein Konzert mit Trompete und Orgel vorgesehen von zwei bulgarischen Musikern, Georgi Grozev an der Trompete und Vessela Dyakova an der Orgel. Es gibt eine Last-Minute-Änderung, Trompeter Grozev ist verhindert und es wird erklärt, warum. Seine Mutter, aus Bulgarien zu Besuch in Gent, ist mit dem Fahrrad schwer gestürzt und wird heute operiert. In dieser fahrradverrückten Stadt, in der das Auto verteufelt wird und fast jeder aufs Fahrrad gezwungen wird, passieren manchmal tödliche Unfälle mit vorbeirasenden Fahrradfahrern und Pedelecs. Die Fahrradfundamentalisten in der Stadtverwaltung werden wohl erst zur Vernunft kommen, wenn sie selbst in einen Unfall verwickelt sind. Jedenfalls, aufgrund dieser fahrradverrückten Politik keine Trompete heute.
Vessela Dyakova muss es alleine an der kleinen Orgel schaffen, dem Orgelpositivorgel vorne, wo sie sichtbar für das Publikum sitzt. Es klingt intimer als die große Orgel, aber nicht weniger farbenreich, mit all diesen verschiedenen Registern, von denen Vessela zu Beginn jedes Stücks andere wie Hebel einer Straßenbahnkabine aus- und einschaltet. Der große Bach darf nicht fehlen, ebenso wenig wie kleinere Götter aus Barock und Romantik. Dyakova ist über siebzig, aber mit ihrem Namen Vessela (Bulgarisch für froh) kann sie ihr Publikum noch viele Jahre lang immer wieder mit ihrem wunderschönen Orgelspiel und ihrem fröhlichen Blick erfreuen.
Polnischer Liederabend
Café und Konzertsal Afkikker auf dem Sint-Kwintensberg liegt außerhalb der Festzone, verdient aber auch Aufmerksamkeit. „Afkikker" ist ein etwas irreführender Name. Kein Ort für Entwöhnte, sondern für Melomanen und Mehrwertsucher. Gastgeberin Rita De Vuyst lädt regelmäßig Musiker, Sänger, Sprecher in ihren großen Salon ein. Am verregneten Abend des zweiundzwanzigsten Juli waren der polnische Bariton Artur Rožek und Pianist Martijn van Sas programmiert. Polnische Lieder von Szymanowski, Malecki, Nowowiesjki, Lutoslawski, nach der Pause abgewechselt mit der eher spätromantischen Ausdrucksweise von Ignaz Paderewski. Polen ist nicht nur ein großes Land, es ist auch eine große Musiknation.
Der Sänger trägt eine dunkle Brille, er ist blind. Umso mehr kann er sich auf die tiefgründigen Lieder seines großartigen slawischen Heimatlandes Polen konzentrieren. Zwischendurch darf der Pianist solo in zwei Nocturnes von Chopin spielen, die an einem polnischen Abend nicht fehlen dürfen. Intensiv getragen spielt er diese geniale Musik. Van Sas fühlt sich in diesen nächtlichen Klängen ganz in seinem Element. Ritas Café heißt auf der Website auch Mittelalterlicher Stein oder „Hochhaus" des mittelalterlichen Sint-Pietersdorfs. Eine Treppe führt hinab in die mittelalterlichen Gewölbe, ein unerwartetes Eintauchen in die größte Vergangenheit unserer Stadt.
Chorkonzert „Rencontre"
Chöre sorgen seit Jahrzehnten für beliebte musikalische Erholung in der Sint-Michielskerk während der Genster Feste. Wenn der Chor Rencontre aus Ath auftritt, denke ich: „Sie sind nicht in Uniform". Ein gelbes Hemd, eine rote Hose, eine rosa Bluse. Während sie alle auf der Bühne stehen, wird die Kleiderwahl deutlich. Alles zwischen Gelb und Rot, eine gelungene Farbpalette. So gibt jedes Chormitglied individuell seinen oder ihren Akzent zwischen Rot, Orange und Gelb.
Keine bekannten Komponisten, keine klassischen Evergreens, sondern eine Kombination verschiedener zeitgenössischer Werke, abwechselnd mit einem Chorwerk von Fauré. Um das Ganze etwas zum Schwingen zu bringen, ein Gospel dazwischen und zum Abschluss das Lied Sanomi, mit dem die Gruppe Urban Trad den zweiten Platz beim Eurosong 2003 erreichte. Letzteres sagt etwas über den Chor aus. Mit eingängigen zeitgenössischen Stücken wollen sie das Publikum gefallen. Darin sind sie auch diesen Nachmittag gut gelungen, obwohl die Intonation nicht immer hervorragend war, der Standard, den sie beim Chorwettbewerb seit Jahren erreichen. Visuell kompensiert die Farbenpracht der fünfzig begeistert singenden Frauen und Männer. Fünfzig Schattierungen Orange.