Le Nozze di Figaro, Musik W.A. Mozart, Libretto Lorenzo da Ponte ging 1786 in Wien in Premiere. Diese Oper kannte bereits unzählige Inszenierungen weltweit, ist ausgereift und kann anno 2023 durchaus einige zusätzliche Impulse vertragen. An der Mise-en-scène werden Operapuristen sich dennoch erst einmal gewöhnen müssen. Kein Mangel an Originalität.
Der junge Regisseur Tom Goossens, mit einem Faible für Oper, setzte Mozarts opera buffa nach seiner Hand und injizierte das Ganze mit noch etwas zusätzlichem pikanten Textmaterial. Er hatte den Mut und die Erfindungsgabe, Le Nozze di Figaro vom sicheren Regal zu schieben. Keine Zurückhaltung bei den berechneten Risiken, die er einging. Mit der Unterströmung konkurrierender Gefühle geht er sehr plastisch um. Dies in einer unkonventionellen Form, die dennoch klassisch, stilvoll und vor allem bildend ist. Es ist eine Frage von reiner, einfacher Raffinesse. Jenseits der künstlichen Fassade der Oper. Mit der dahinter liegenden Absicht, Oper einem breiteren Publikum näherzubringen… und… Mission zu 100% gelungen und geschmeckt.
Für eine zusätzliche Portion Humor werden Schauspieler Stefan Degand und Eva Van Der Gucht eingesetzt. Zwei Spieler voller Energie. Ihr Schauspiel lässt sich mit spielerischer Ungestüm, Leidenschaft und Vitalität beschreiben. Die Musik vibriert und pulsiert, dieses Duo sorgt für zusätzliche Würze.
[caption id="attachment_50336" align="alignleft" width="300"]
© Annemie Augustijns[/caption]
Inszenierung
Die Aufführung beginnt mit offener Bühne. Kein Mega-Dekor. Die Zuschauer sehen ein ansteigendes Plateau, darauf ein riesiges Puzzle. Ordentlich liegen Säulen, Leitern, Schränke, Türen, Fensterrahmen, Latten usw… ein großes Bausatz, Szenografie Sammy Van den Heuvel. Die Lagerstätten von Opera Ballet Vlaanderen sind vollgestopft mit Materialien und Kostümen. Praktisch alles in dieser Aufführung ist recycelt. Die Zirkularwirtschaft ist auch in diesen Kulturtempel eingezogen. Diese Produktion punktet also auf mehreren Fronten.
Ein Mann in einem cremefarbenen Outfit erscheint mit einem Bauplan in der Hand und beginnt, Stücke zusammenzusetzen, den Grundriss zu vermessen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass dies Figaro ist, dargestellt durch den britischen Bassbariton Božidar Smiljanić.
Während der Ouvertüre wird weiter gebastelt und er erhält Hilfe von seiner Freundin Suzanna, Rolle der amerikanischen Sopranistin Maeve Högland. Sie wollen heiraten, aber der Graf, gesungen vom türkischen Bariton Kartal Karagedik, obwohl mit Rosina verheiratet, hat diese Dame im Auge. Das droit de seigneur, das Herrenrecht, junge Mädchen zu entjungfern, hatte er zwar kurz zuvor per Gesetz abgeschafft. Der fleischliche Hunger bleibt jedoch. Recht tolpatschig und zum Lachen versucht er, ein Bett zusammenzubauen. Es entspinnt sich eine Geschichte voller Missverständnisse, Aneinandervorbei und Erotik. Der eine will den anderen und der andere den einen. Cherubino, die italienische Mezzosopranistin Anna Pennisi, sehnt sich nach der Gräfin. In der Operntradition ist sie ein Junge. Tom Goossens führt Genderfluidity ein. Marcellina möchte, dass ihre Ehe mit Figaro zustande kommt. Sie schwenkt einen Vertrag, auf dem schwarz auf weiß steht, dass Figaro ihr noch Geld schuldet und mit ihr heiraten muss, wenn er das Geld nicht aufbringen kann. In dieser Szene zeigt Eva Van Der Gucht, was für eine großartige Komödiantin sie ist. Die Dekorelemente werden besonders erfinderisch genutzt. Eine Tür mit Rahmen wird aufgerichtet, suggestiv die Abgrenzung eines Zimmers. Es kann gelauscht werden. Geht die Tür wieder zu Boden… wird sie zum Eingang eines Kellers. Vieles wird explizit nicht gezeigt. So wird die Vorstellungskraft der Zuschauer in Gang gesetzt. Die Konturen eines Fensters werden gepackt. Cherubina springt hinunter, um dem Zorn des eifersüchtigen Grafen zu entgehen. Kurz darauf wird er gefasst. Es wird eine riesige Kanone auf die Bühne gerollt. Wie in einem Zirkusakt wird Cherubino hineingesteckt und in die Luft katapultiert. In einer weiteren Szene fällt er aus der Luft direkt in den Wäschekasten. Aus den Gewehren der Soldaten klingen keine Salven, sondern kommen Blumensträuße hervor. Make love not war! Tom Goossens versteht sich auf alle möglichen Bühnentricks. Es gibt schöne Soli und Duette der Gräfin, Suzanna und Cherubino in einer breiten Palette von Klangfarbe und Finesse. Die Frauen spannen sich gegen den Grafen zusammen.
Nach der Pause ist die Bühne völlig leer. Im Hintergrund ist eine Konstruktion aus weißen Tüchern. Die Protagonisten sitzen unter weißen Tüchern versteckt. Die Silhouetten erinnern an Burkas. Die Isolation von Frauen. Die Wünsche und Launen des Grafen, Lügen im Namen der Liebe, geht nicht. Es findet ein Tribunal statt, bei dem die Rechtsverbindlichkeit von Marcellianas Vertrag mit Figaro festgestellt werden muss. Der Aufbau der Geschichte wird etwas seicht, wenn sie wie ein deus ex machina eine völlig unerwartete Wendung nimmt. Marcellina stellt sich als Mutter von Figaro heraus. Die Schuld wird erlassen und innige Umarmungen folgen. Dieses Bild setzt Suzanna wieder auf die falsche Fährte. Die Tuchkonstruktion implodiert. Die Liebenden wollen sich entlarven und/oder treffen. Die Szene wird teilweise dekonstruiert und es entsteht ein friedlicher Park. Der Monolog von Eva Van Der Gucht, eine Anleitung zur Handlung, macht das Ganze etwas langwierig. In einer dunklen Szene gehen die Paare, bewaffnet mit einer Laterne, auf die Suche nach einander. Wie in einem Darkroom wird mit sinnlich erregenden Bildern abgetastet. Der Graf erhält in der Schlussphase Vergebung von seiner Gattin.
Le Nozze di Figaro, ein gelungener Saisonsabschluss. Wie eine Opera buffa enden sollte: honigsüße Eintracht nach einem Sturm in einem wunderschönen Zusammenspiel von Solisten, Musikern, Mozarts genialer Musik und einer äußerst gelungenen und überraschenden Regie von Tom Goossens. Die Erwartungen sind nun himmelhoch gespannt für seine weiteren Kreationen.
Das Publikum fächelte sich bei diesen tropischen Temperaturen ständig Luft zu. Durch die vielen wehenden Fächer wirkte es wie ein schmetterlingsartiges Spektakel. Musiker und Protagonisten hingegen mussten agieren, singen, tanzen… und taten dies mit vollem Einsatz. Chapeau!
Musik: W.A. Mozart
Ausführender: Chor und Orchester Oper Antwerpen
Dirigent: Marie Jacquot
Interpreten:
Suzanne: Maeve Högland
Figaro: Božidar Smiljanić
Graaf: Kartal Karagedik
Gravin: Lenneke Ruiten
Cherunino: Anne Pennisi
Marcellina: Eva Van der Gucht
Bartolo: Stefaan Degank