***** Schon wieder eine Schumann-CD Rezension? Warum nicht, zumal hier auch Clara mit Werken ihres Ehemannes Robert kombiniert ist, denn jede Aufmerksamkeit, die die Komponistin anlässlich ihres zweihundertsten Geburtstags erhält, ist berechtigt!
Es werden nur fünf Lieder von ihr gesungen, aber sie sind durchweg Kleinode der Liedkunst. O Lust, O Lust ein volksliedartiges Lied inspirierte mich zum Titel dieses Beitrags. Der Text stammt vom kaum bekannten Hermann Rollet, aus dessen Jucunde Clara 1853 sechs Lieder komponierte. Rollett war eigentlich Apotheker, aber auch Dichter, und sein Interesse für Musik brachte ihn wiederholt in Kontakt mit Ludwig van Beethoven. Die anderen Lieder basieren auf Texten vertrauter Textlieferanten wie Heinrich Heine und Friedrich Rückert. Tenor Kyle Stegall passt seine Stimme an die wechselnden Stimmungen an: von jagdhaft-dramatisch (Die Lorelei) bis zart-lyrisch (Liebst du um Schönheit) und melancholisch (Ich stand in dunklen Träumen). Er zeigt, dass Clara Schumann das gesamte Spektrum des romantischen Liedes umfasst. So führt jede Begegnung mit ihrer Liedkunst vor Augen, dass sie den männlichen Zeitgenossen-Kollegen nichts schuldig ist.
Zweimal Liederkreis
Von Robert Schumann erhalten wir die beiden Versionen Liederkreis präsentiert. Der Liederkreis op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff drückt ein Gefühl intensiven Glücks aus, mit der darunter liegenden Angst vor dem möglichen Verlust desselben, vor der Schattenseite, die später zu Schumanns geistigem Inferno führen wird. Kyle Stegall gelingt es wunderbar, die verschiedenen Themen: Entfremdung, nächtliches Mysterium, Bedrohung, Erinnerung und prophetische Verträumtheit in der Intonation seiner schönen klaren Tenorstimme auszudrücken. Extreme Melancholie legt er in das bange Lied Auf einer Burg, wobei die Monotonie des Fortepianos die Angst des traurigen Ritters noch unterstreicht. Eine herrliche Interpretation des Zyklus mit einer wundervollen Apotheose in Frühlingsnacht. Wie ein sanfter Wasserfall jubelt das Klavier, die Natur ist pures Glück, das Schlusscouplet ist ein triumphales „Sie ist dein". Der manchmal bittere Ton Heines im op. 24 wird vom Duo Stegall-Zivian mühelos gemeistert. Das bekannteste Lied Mit Myrten und Rosen liefert den Titel für die CD.
Die Stimme von Kyle Stegall ist hell und leicht nasal, er hat eine klare Artikulation und wagt Akzente und Tempowechsel im Dienste der Stimmung des Liedes. Mich wundert nicht, dass er für das Liedrepertoire von Sängern wie Christoph Prégardien und Ian Bostridge sowie Pianisten wie Malcolm Martineau und Julius Drake geleitet wurde. Man hört es! Hinzu kommt, dass Eric Zivian ein herrlich weich klingendes Fortepiano spielt – ein Wiener Instrument von 1841 – und diese CD ist somit ein perfektes Beispiel dafür, wie man sich von der Entdeckung von Musikern positiv überraschen lassen kann, die (noch) nicht zu deinen Favoriten gehören. Natürlich geleitet durch ein Repertoire, von dem ein Liedliebhaber nie genug bekommen kann.
- WAS: Myrtle and Rose. Songs by Clara and Robert Schumann
- WER: Kyle Stegall (tenor) und Eric Zivian (fortepiano)
- AUSGABE: Avie AV2407[embed]https://www.youtube.com/watch?v=HRWe84J763M&list=OLAK5uy_lSOC0OzXHq-CEqcQmiGPIrkFSMARKe0G4&index=3&t=0s[/embed]