Mit seiner vierzehnten Ausgabe bestätigt Meer Stemmig Gent seinen Platz als eines der führenden Polyphonie-Festivals in Flandern. Was 2012 als Initiative von Jens Van Durme und Aart de Zitter begann, wuchs zu einer festen Größe in der Genter Sommerkultur heran: kleinformatig angelegt, aber inhaltlich durchdacht, mit Ensembles von internationalem Niveau in historischen Räumen, die mehr als nur Kulisse sind.
Dieses Jahr konzentriert sich das Festival auf die Migration der franko-flämischen Polyphonie: Musik, die von Zentren wie Gent und Paris über koloniale Netzwerke und Figuren wie den Genter Franziskaner Pedro de Gante ihren Weg in die Neue Welt fand. Eine Geschichte von Übertragung, Transformation und Überleben, aber auch eine Möglichkeit, das Repertoire in seiner historischen Breite zu hören.
Von Notre-Dame bis Macharius
Der Samstag eröffnet mit einem Vortrag des Musikwissenschaftlers Pieter Mannaerts (Alamire Foundation / KU Leuven) im Rahmen der DavidsfondsAcademie. Er skizziert die Entwicklung der Polyphonie von der frühen Notre-Dame-Schule bis zum stile antico bei Monteverdi. Eine inhaltliche Einführung, die gleich den Hörerrahmen schärfer stellt.
Am Abend übernimmt das Huelgas Ensemble unter der Leitung von Paul Van Nevel. In der Sint-Machariuskerk – ein Raum, dessen hohe Gewölbe und trockener, fokussierter Nachhall dieses Repertoire nicht einhüllen, sondern hervorheben – bringt das Ensemble ein Programm rund um die Pariser Notre-Dame-Polyphonie.
Ein Kontinent an einem Tag
Der Sonntag bildet den Kern des Festivals, mit einem Programm, das inhaltliche Kohärenz mit stilistischer Vielfalt verbindet. Francis Maes (UGent) eröffnet mit einem Vortrag, der das internationale Netzwerk hinter der Polyphonie weiter ausarbeitet.
El Grillo bringt eine überzeugende belgische Perspektive auf das Repertoire. Cappella Mariana aus Tschechien steht für ein strenges und verfeinertes Vokalideal, während La Fonte Musica das Festival mit Werken von Matteo da Perugia abschließt: Musik an der Grenze zwischen Mittelalter und Renaissance, passend zu einem Tag, der sich kontinuierlich zwischen musikalischen Welten bewegt.
Einer der inhaltlichen Schwerpunkte ist das Konzert von Cappella Pratensis mit einem Programm rund um Pedro de Gante. Der Genter Franziskaner, der in Mexiko mithalfen, die Grundlagen einer lokalen polyphonen Praxis zu legen, wird so auf seinen musikalischen Ursprung zurückgebracht. Das Ensemble mit seinem durchdachten quellengetreuen Ansatz ist hierfür eine logische Wahl: nicht als bloße Rekonstruktion, sondern als lebendige Aufführungspraxis.
Rahmenprogramm und Partizipation
Neben den Konzerten setzt sich Meer Stemmig Gent weiterhin für Vermittlung ein. Ein Workshop von Caroline Sordia richtet sich an Amateurzänger, während Muziek op Schoot (Tinkel) die jüngsten Zuhörer mit Mehrstimmigkeit bekannt macht. Unter dem Motto Stemmig Gents bringt Shahab Azinmehr (Gesang und Setar) einen subtilen Dialog mit nicht-westlichen Klangwelten – eher eine seitliche Öffnung als eine explizite Aussage, aber deshalb nicht weniger relevant.
Meer Stemmig Gent bleibt so seinem Konzept treu: inhaltliche Schärfe, historisches Bewusstsein und eine sorgfältige künstlerische Auswahl, ohne Überfluss. Die vierzehnte Ausgabe setzt klar auf Tiefe statt Spektakel und lässt die Musik in einem Kontext sprechen, der ihre Geschichte nicht illustriert, sondern hörbar macht. Musik, die vor fünf Jahrhunderten Gent verließ, kehrt hier zu ihrem Ausgangspunkt zurück – und klingt, als ob sie nie weg gewesen wäre.
Klassiek Centraal freut sich auf diese Entdeckungsreise und wird darüber berichten.