Es ist und bleibt ein besonderes Phänomen: dass der Mensch per Definition vorankommen will, nach Fortschritt strebt, aber in viel Musik gerade der Weg zurück gegangen wird: derjenige der historisierenden Aufführungspraxis, in der Musiker so dicht wie möglich an ihr Ideal herantreten: d.h. so zu musizieren wie das vor Jahrhunderten bon ton war. Darüber kann lange und breit diskutiert werden, mit Für und Wider im Überfluss, aber diese Praxis ist auf keinen Fall mehr wegzudenken. Sie ist sogar zu einem dominierenden Faktor geworden, und besonders dort, wo es um die Aufführung von Musik aus dem (Früh)Barock und der (Wiener) Klassik geht. Dieser Prozess ist keineswegs ohne Probleme verlaufen, aber inzwischen haben wir das Stadium erreicht, dass sowohl das Instrumentarium (meist Repliken) verbessert wurde, die Musiker viel besser damit umgehen können und dass besonders von der Musikwissenschaft dank neuer Erkenntnisse und entsprechender Einsichten ein viel zuverlässigeres Bild (wozu auch die sogenannten „Urtexte" gehören) dieser so fernen Vergangenheit entstanden ist. Wir kennen unsere „Klassiker" auf diesem Gebiet sozusagen; oder wir meinen, diese zu kennen...
Für den Musikliebhaber steckt sicherlich ein Mehrwert in dieser historisierenden Aufführungspraxis. Das macht Aufführungen „aus der alten Schule" glücklicherweise nicht weniger interessant, aber diese Praxis hat es möglich gemacht, die Musik aus (noch) mehr faszinierenden Blickwinkeln zu erleben. Was die Klavierkonzerte von Mozart betrifft, bleiben die Interpretationen von beispielsweise Clara Haskil, Annie Fischer, Murray Perahia oder Mitsuko Uchida trotz(?) dieses Historisierens genauso fesselnd wie aktuell, aber dass es sich um eine beachtliche Verschiebung von „traditionell" zu „authentisch" handelt, ist ebenso offensichtlich.
Der südafrikanische Fortepianistenotiert Kristian Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester (sie arbeiten schon sehr lange zusammen und das hört man auch von diesem neuen Album ab) haben sich auf dem „authentischen" Gebiet mehr als verdient gemacht. Ihre Mozart-Serie ist inzwischen auf fünf Alben angewachsen und sind sie damit bereits bei der Hälfte des Projekts, das alle 27 Klavierkonzerte umfassen wird (wozu auch die beiden Konzertrondos KV 382 und 386 gehören.)
Anders als bei Beethoven war das (Forte)Piano nicht Mozarts wichtigstes Instrument, obwohl das von der Qualität seines Werks auf diesem Gebiet sicherlich nicht abzulesen ist. Beethoven soll sogar gegenüber dem Pianisten Cramer ausgerufen haben, dass er, Beethoven, niemals in der Lage wäre, auch nur „etwas Derartiges" (Mozarts KV 491) zu komponieren. Es war auch Mozart, der das Klavierkonzert aus seiner bisherigen konventionellen Umrahmung befreite. Und es war Mozart, der in den späteren Konzerten die Holzbläser „endlich" eine wirklich eigenständige und oft sogar prominente Rolle zuwies, anstatt nur eine unterstützende Rolle. Er scheute sich nicht einmal davor, das Operntonale am ausdrucksvollen Diskurs teilhaben zu lassen. Es konnte eigentlich nicht anders sein, als dass für Beethoven diese Klavierkonzerte, besonders ab KV 453 berechnet, einen wichtigen Anknüpfungspunkt für seine eigenen künstlerischen Erkundungen auf diesem Gebiet darstellten.
So sehr Beethoven Mozart auch bewunderte, er war über dessen Klavierspiel nicht uneingeschränkt begeistert. So fand er es ziemlich fragmentarisch und nach Cembalo riechend. Er selbst spielte gerne mit gekrümmten Fingern, wobei der Daumen oft unterliegt. Ein auffälliges Merkmal seines Spiels war ferner die Pedalnutzung, die laut seinem Schüler und Bewunderer Carl Czerny sogar üppiger war als in der Partitur (oder dem Manuskript) notiert. Das bedeutete sicherlich im Cantabile-Spiel einen weiter tragenden Klang, wenngleich mit der Konnotation, dass die übermäßige Pedalarbeit bei einem Fortepiano ein weniger dumpfes Klangbild zur Folge hat als bei unserem modernen Klavier oder Flügel.
Ein interessanter Aspekt ist sicherlich die Kadenz, die viele Pianisten wie eine ordentliche Lektion aufsagen oder sich leicht davon befreien, indem sie sich für eine bestehende Kadenz entscheiden, sei es vom Komponisten selbst, sei es von anderer Seite. Aber nicht Bezuidenhout, der die Klavierkonzerte oft mit eigenen Kadenzen präsentiert, was auch einigermaßen im Einklang mit der damaligen Aufführungspraxis steht, in der Improvisation hochgehalten wurde und auf die auch Mozart keine Ausnahme machte (obwohl er manchmal durchaus eine Kadenz vollständig ausschrieb). In seinen Kadenzen bleibt Bezuidenhout natürlich der „Geist der Zeit" treu, gefasst in der geltenden, achtzehnten Jahrhundert Rhetorik, die tiefe Kenntnisse der stilistischen Aspekte bezüglich (nicht nur) Mozarts Klavierkonzerte verrät. Im CD-Begleitheft jedoch kein Wort darüber.
In diesen beiden Klavierkonzerten, KV 459 und 488 (die eigenständigen Holzbläserpartien sind darin evident), sind die Freiburger und Bezuidenhout erneut in Bestform: Es ist alles Glanz, die Spielfreude springt in die Augen. Der musikalische Charakter, der diese Musik so sehr kennzeichnet, wird in dieser vortrefflichen Aufnahme ferner gestützt durch sehr ansteckende Unternehmungslust und viel Sinn für Abenteuer. Das Ganze strahlt zudem so viel konzentrierte Vitalität aus, dass es eine wahre Freude für sowohl Ohr als auch Gemüt ist. Die Intimität in den langsamen Sätzen ist ebenso herzerwärmend, das Vibrato ausschließlich als begrenztes Ausdrucksmittel dienend, das die angestrebte Klarheit der Darlegung nicht beeinträchtigt: verfeinert, bescheiden und vor allem ästhetisch verantwortungsvoll.
Das verwendete Soloinstrument ist eine 2008 von Paul McNulty gefertigte Kopie nach einem Wiener Walter von etwa 1805.