Muzikale Schatten – in allen Bedeutungen des Wortes
Der Titel der Reihe erwies sich als besonders treffend gewählt. Die Musik, die auf dem Programm stand – Werke von Ravel und Saint-Saëns – darf ohne weiteres als Musikerbe höchster Ordnung betrachtet werden. Aber nicht weniger traf der Titel auch auf die Ausführenden selbst zu. Maya Levy und Marina Saiki sind Künstler von außergewöhnlichem Niveau, Musiker, die nicht nur technisch glänzen, sondern die ihr Spiel mit Vision, Raffinement und überzeugender künstlerischer Überzeugung durchdringen.
Dass dies alles in der Königlichen Bibliothek stattfand, war an sich schon eine Entdeckung. Wer dieses beeindruckende Gebäude vor allem als Aufbewahrungsort von Büchern, Handschriften und historischen Dokumenten kennt, erwartet nicht gleich einen intimen Konzertsaal, in dem Musik so unmittelbar und intensiv erklingen kann. Dennoch erwies sich die Lokalität als ideale Umgebung für dieses Nachmittagskonzert. Darüber hinaus waren Partituren und andere Dokumente zu sehen, die mit dem Programm verbunden waren, wodurch die Musik gleichsam in ihren historischen Kontext eingebettet wurde. Das Publikum war zahlreich anwesend und reagierte von Anfang an mit warmer Aufmerksamkeit und Begeisterung.
Ein mitreißendes Programm
Von den ersten Takten von Ravels Kaddish an wurde klar, dass dies ein außergewöhnliches Konzert sein würde. Levys Violine klang warm, glühend und intensiv durchlebt. Sie spielte mit natürlichem Atem in ihrer Phrasierung, mit einem Ton, der sowohl Verletzlichkeit als auch innere Kraft ausstrahlte. Saiki folgte und führte zugleich, ihr Spiel war reich schattiert und perfekt ausgewogen, niemals bloß begleitend, sondern stets dialogisierend.
In der Habanera zeigte das Duo eine andere Dimension von Ravels Sprache: sinnlich, subtil rhythmisch profiliert und mit verfeinerter Leichtigkeit. Hier zeigte sich, wie fehlerfrei sie sich aufeinander eingespielt haben. Jede Nuance, jede Beschleunigung oder Verzögerung wurde zusammen getragen, ohne dass es jemals gekünstelt klang.
Mit der Sonate Nr. 1 op. 75 von Saint-Saëns erhielt das Konzert einen monumentaleren Charakter. Die Sonate verlangt sowohl Virtuosität als auch strukturelle Einsicht, und beide Musiker beantworteten diese Herausforderung überzeugend. Saiki ließ einen kraftvollen, hellen Klavierton hören, mit beeindruckender Kontrolle über Dynamik und Textur. Levy vereinigte technische Beherrschung mit einer leidenschaftlichen Intensität, die dem Werk dramatische Spannung gab, ohne an Eleganz zu verlieren. Es war Musizieren auf einem Niveau, das mühelos die großen Konzertsäle würdig ist.
Tzigane – Feuer und Verfeinerung
Das Schlussstück, Ravels Tzigane, bildete den Höhepunkt des Nachmittags. Bei der bereits besprochenen Single entschied sich das Duo dafür, die Luthéal zu verwenden, das Instrument, das Ravel ursprünglich im Sinn hatte, was der Aufnahme eine besondere Klangfarbe verlieh. In der Live-Aufführung erklang das Werk in der Fassung für Violine und Klavier, was eine andere, aber nicht weniger faszinierende Perspektive bot.
Die lange, freie Eröffnung der Violine war schlechthin atemberaubend. Levy baute die Spannung mit einer fast theatralischen Intensität auf, ohne jemals die musikalische Linie zu verlieren. Wenn das Klavier einsetzt, entfaltet sich ein Dialog voller Energie, Präzision und Verfeinerung. Saiki's Spiel war rhythmisch scharf und zugleich geschmeidig, ein solides Fundament, auf dem Levy ihre virtuosen Linien glänzen lassen konnte. Die Kombination aus technischer Brillanz und musikalischer Raffinesse machte diese Aufführung von Anfang bis Ende mitreißend.
Ein verdienter Beifallssturm
Das Konzert fesselte von der ersten bis zur letzten Note. Keinen Moment ließ die Aufmerksamkeit nach, keine Passage wurde zur Routine. Was Maya Levy und Marina Saiki brachten, war Musizieren auf höchstem Niveau, mit einer Intensität und Reife, die tiefe Spuren hinterließ.
Der überschwängliche und lang anhaltende Applaus, mit dem das Publikum sie am Ende belohnte, war daher mehr als verdient. Dieser Nachmittag in der Königlichen Bibliothek bewies, dass Muzikale Schatten kein leerer Titel ist, sondern eine treffende Beschreibung dessen, was hier geboten wurde: Musik und Musiker von außergewöhnlichem Wert.