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Opera Ballet Vlaanderen, Uraufführung C(H)OEURS Alain Platel

V
· 8 Min. Lesezeit
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Opera Ballet Vlaanderen, Uraufführung C(H)OEURS Alain Platel

Alain Platel schuf diese Aufführung auf Einladung seines guten Freundes und Mentors Gerard Mortier. C(h)oeurs verweist sowohl auf Herzen als auch auf Chöre. Die Produktion hatte 2012 im Teatro Real Madrid Premiere und traf das Publikum wie ein Schlag. Die Aufführung wurde damals vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings, der Bankenkrise und des Protests der Indignados (Spanisch für die Empörten) geschaffen. Platel stellte das kulturell-ethische Substrat unserer Gesellschaft in Frage. Nun hielt er es für an der Zeit für eine Aktualisierung. Zusammen mit den Tänzern, dem Chor und Orchester der Opera Ballet Vlaanderen untersucht er auf seine engagierte Weise ein Bild der Welt, das noch verkrampfter und unheilvoller wirkt als vor einem Jahrzehnt, mit langen Schatten der Tragödie. Er verbindet Hoffnung und Verzweiflung aus der Vergangenheit mit denen, die heute in verschiedenen Ländern und Orten auf diesem Planeten auf Frieden, Recht und Gerechtigkeit hoffen.

Gesamtkunstwerk


Platel hat in dieser Produktion ein erstaunliches Niveau der Perfektion erreicht: Dramaturgie, Bild, Klang und Tanz fügen sich seiner Wahrnehmung unter und verhalten sich wie eine Nabelschnur zur Welt. Das Szenario ist wie eine Echokaammer, in der die Ungerechtigkeit weiter resoniert. Er wählte Musik von Verdi und Wagner. Beide lebten im 19. Jahrhundert auch in turbulenten Zeiten und gaben ihrer Musik eine Stimme für den progressiven Nationalismus. Die subtile Doppeldeutigkeit der Musik als Vermittler zwischen dem Materiellen und Spirituellen, dem Dauerhaften und Zerbrechlichen, dem Zeitlichen und Ewigen, dem Individuum und der Gruppe ist erhaben. Chor und Tänzer sind komplementär, ergänzen sich gegenseitig. Ein Chor ist par excellence die musikalische Konstellation, in der die einzelne Stimme in der größeren Einheit aufgeht. Die Tänzer sind Leib und Glieder, Schrei, tierisch, unbewusst, Intimität. Der Chor ist Stimme, Wort, Diskurs, Volk, Außenwelt. Auf der Bühne stehen 70 Darsteller. Durch die Masse drängt sich das Ganze auf dich ein und sucht sich den Weg zu deinem Herzen.
(c) Filip Van Roe

Inszenierung


Wenn der Vorhang aufgeht, steht vorne rechts auf der Bühne eine einsame Figur
in einem weißen Kleid bis zur Knielänge mit dem Rücken zum Publikum, der Kopf nach unten in einen Scheinwerfer gefangen. Über den Schultern erscheinen Hände. Finger, die vorsichtig den Raum abtasten wie Fühler. Ein Einzelner in der großen Welt. Allmählich wird die ganze Szene erleuchtet. Ein riesiger Raum umgeben von transparenten Lamellen. Hinten eine bühnenweit verlaufende Treppe mit sechs Stufen, auf der sich der Chor positioniert: die Masse, das Volk. Sie singen die Ouvertüre aus Lohengrin von Wagner. Später erklingen auch Fragmente aus Tannhäuser und Die Meistersinger von Nürnberg. Die produzierte Dezibelmenge von Chor und Orchester, die Kraft der Anzahl hebt die Zerbrechlichkeit des Individuums noch stärker hervor. Tropfenweise erscheinen ein paar Tänzer auf der Bühne. Sie haben etwas im Mund. Ein Gebiss (zur Steuerung), ein Knebel (zum Mundtotmachen)? Das Bild ruft allerlei Assoziationen hervor. Auf den Klängen von Fanfaren- und Trompetengeschmetter zieht die einsame Figur äußerst langsam, fast unmerklich das Kleid über die Schultern. Man blickt auf einen anonymen nackten Körper. Unterdessen steht das vollständige Ballettensemble auf der Bühne in einem Trauben aneinander geklebt. Sie zittern, beben, traumatisierte Figuren und lassen den Knebel aus ihrem Mund fallen. Einige suchen auch Trost in den Armen voneinander. Bilder der Verzweiflung. Eine ergreifende Szene. Sie öffnen den Mund und der Klang einer Sirene erklingt.
In einer Demarche, wie eine Flutwelle, bewegt sich der Chor nach vorne, jeder entledigt sich seiner Jacke oder seines Mantels. Auf Höhe ihres Herzens hängt ein weißes Leinenstück mit einem großen roten Fleck. Platel integriert auch den Sklavenchor – Va Pensiero – aus Nabucco von Verdi. Ein imperiales Lied, das zum kollektiven Gedächtnis geworden ist. Ein Chorlied, das bereits tausende Male aufgeführt worden ist und durch Wiederholung nicht glanzlos wird. Im Gegenteil. Jedes Mal erhält es durch die Aktualität wieder Aussagekraft. Nun assoziiert jeder es mit Putins schreckenerregender Machtgier und dem heroischen Widerstand des ukrainischen Volkes. Der Chor steht nicht als monolithischer Block da, sondern spielt die Szene mit. Während sie über die Bühne verteilt stehen und singen, stehen die Mitglieder des Balletts dazwischen mit weit aufgerissener Mund. Ein wortloser Schrei. Oder mit der Faust vor dem Mund, zum Schweigen gebracht wie viele Völker heute.
Die Tänzer sorgen für eine zitternde Luftströmung und emotionale Turbulenzen. Emotion, die physische Gestalt annimmt. Auch der Chor beteiligt sich an der Bewegung. Auf einem bestimmten Moment ist eine Haka-Szene zu sehen, beeindruckend, kampflustig. Die gemeinsame Bewegungssprache ist überhaupt nicht weit hergeholt, bei Analyse sogar einfach, aber deshalb desto aussagekräftiger.
(c) Filip Van Roe

Gliederung


Platel zeigt auch, wie das Individuum von der Masse erfasst werden kann, wie Euphorie entsteht. Die Energie spritzt von der Bühne. Aufstand gegen das System. In einem gemeinsamen Protest werden Schuhe wegkatapultiert (Ägyptische Umwälzung). Gelbe und blaue Flaggen, die Farben der Ukraine, werden in einem Reigentanz über den Köpfen geschwungen, was spontanen Applaus vom Publikum auslöste. Man spürt die Kraft der doppelten Energie: eine meisterlich schöne Verflechtung der Musik von Wagner und Verdi in einer distillierten Klangharmonie. Komponist Steven Prengels verband die verschiedenen Chorwerke miteinander, was zu einer abwechslungsreichen Soundscape führt.
Zu einem bestimmten Moment werden die meterhohengeben Lamellen nach oben gezogen, eine Batterie von Scheinwerfern senkt sich auf eine einsame Figur herab. Die Stimmen des Chors erklingen plötzlich von den Balkonen. Sie ziehen sich zurück und entfesseln Chaos hinter den Kulissen, schlagen gegen die Türen des Saals, was ein unheimliches Gefühl erzeugt. Wie müssen sich Opfer von Progromen und Überfällen fühlen?
Das Bühnenbild ist wieder wie zu Anfang. Zwischen den Lamellen hindurch fallen die Tänzer die Treppen hinunter. Revolutionen fordern Opfer. Der Chor schaut zwischen den Lamellen hindurch zu: die eingeschüchterte, schweigende, ängstliche Masse. Die Frage wird gestellt: „Wer bin ich?" Du existierst nur durch die Augen eines anderen. Die Schöpfung wird als ein wunderbarer mathematischer Zufall definiert! Wenn der Chor wieder Besitz von der Bühne ergreift und das Dies Irea aus Verdis Requiem erklingt, werden zwei kleine Jungen unwillig und etwas grob nach vorne geschoben. Ein lang gezogener Moment der Stille folgt, eine Stille, die Bände spricht. Der Rhythmus eines Herzschlags ist zu hören. Leben und Überleben. Es werden dringende Fragen gestellt: „Bist du bereit, aus Liebe zu einem anderen, für dein Land zu sterben?" Es ist ein Kommen und Gehen von Chormitgliedern, die sich selbst vorstellen. Figuren aus der namenlosen Masse, die einen Namen und ein Gesicht bekommen. Inzwischen werden Plakate beschrieben und gezeigt: Respekt, Wehrlos, Freiheit, Liebe, Gesundheit, Fraternité, Umverteilung, Wasser, Frieden, Entwaffnung… Bedeutungsvolle Slogans in dieser Zeitspanne. In einer letzten Phase dieser Szene wird ein Satz aus den einzelnen Worten zusammengesetzt: „Revolutions eat their children." Die zwei kleinen Jungen sind das Opfer und werden voller Respekt über den Köpfen hochgehoben und gehen so von Hand zu Hand in einem langen Trauerzug. Bilder, die Konnotationen wecken.
In einer nächsten Sequenz erhalten die Tänzer von Ballet Vlaanderen wieder die volle Aufmerksamkeit in wunderschönen Duetten. In einem beeindruckenden Paarungstanz wälzen und winden sie sich umeinander, während der Chor sitzend zusieht.
Kurz darauf zieht sich der Chor auf sich selbst zurück und es folgt eine ohrenbetäubende Stille. Jeder fällt auf Impulse hin wild durcheinander auf den Boden. Es sieht aus wie ein riesiges Schlachtfeld. Die Oberarme mit zu Fäusten geballten Händen ragen nach oben. Es sieht aus wie ein riesiges Feld abgeknickter Äste. Ein paar Tänzer flattern fröhlich hindurch. Geben hier und da einen Stoß gegen einen Arm, der wie Schilf im Atemzug des Windes zurückfällt. Plötzlich öffnen sich alle Hände, blutrot gefärbt wie die roten Mohnblumen – poppies – auf dem Schlachtfeld. Wobei sofort das Gedicht „In Flanders Fields" in deinem Gehirn widerklingt.
In der Endphase der Aufführung sorgen diese roten Hände noch für ein ergreifendes Finale.

Teamarbeit


Dirigent Alejo Pérez kommuniziert auf intime, subtile Weise mit den Musikern und versteht es, Energie und Intimität zu erzeugen. Chorleiter Jan Schweiger verrichtete Wunder. Auch für die musikalische Bearbeitung und Soundscapes von Steven Prengels nichts als Lob. Die jungen Tänzer von Ballet Vlaanderen: beeindruckend.

Eine beklemmend schöne Aufführung, die an die Kehle greift und dem Zuschauer Empfindungen beschert, für die man selten Ausdrücke findet. Ein mehrstimmiges Werk über die Desorientierung, die Entwertung aller Menschlichkeit. Aber diese Aufführung enthält auch Trittsteine zu einem Bewusstsein, zu vorsichtigem Licht in der Dunkelheit. Es ist ein Plädoyer für sozialen Zusammenhalt. Ein ergreifendes und reinigendes emotionales Erlebnis für die Chormitglieder, die Tänzer, die Musiker und das Publikum gleichermaßen. Ein reinigendes Moment, ein Moment der Besinnung auch auf das, was in der Welt geschieht. Nicht nur visuell und auditiv eine unvergleichliche Aufführung. Sie rührt das Herz und den Geist an. Eine meisterliche Aufführung, signiert: Alain Platel.

Abschließende Betrachtung


Opera Ballet Vlaanderen ist ein Hybrid-Haus in voller Entfaltung. Eine Aufführung mit all dem Talent aus den eigenen Reihen: Chor, Orchester, Ballett. Waren anfangs noch viel Vorsicht und Skepsis zur Fusion vorhanden, so sind diese nun ausgeräumt. Es ist eine besonders starke Einheit geworden. Eine Erfolgsgeschichte par excellence.
(c) Filip Van Roe

(c) Filip Van Roe

(c) Filip Van Roe

(c) Filip Van Roe

Produktion: Opera Ballet Vlaanderen
Konzept, Regie und Inszenierung: Alain Platel
Musikalische Leitung: Alejo Pérez
Chorleitung: Jan Schweiger
Dramaturgie: Hildegard De Vuyst & Jan Vandenhouwe
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