Es tut gut, wenn eine Qualitätszeitung wie De Standaard der alten Musik ausführlich Aufmerksamkeit schenkt. Das geschieht leider viel zu selten. Der Sektor ist in den letzten Jahrzehnten zu einem reifen Kulturökosystem herangewachsen, schafft es aber selten in die allgemeinen Medien, es sei denn, ein großer Name oder ein besonderes Ereignis macht Schlagzeilen. Allein deshalb verdient der jüngste Artikel über die „sieben Trends" dieses Festivalsommers Lob.
Bei Klassiek Centraal versuchen wir, diese Lücke seit Jahren zu füllen. In den letzten Wochen sind bereits einleitende Artikel über Laus Polyphoniae in Antwerpen und das MA Festival in Brügge erschienen. Bald folgt ein ausführlicher Bericht aus Brügge, wo wir einen Tag hinter den Kulissen dabei sein durften, während auch Laus Polyphoniae ausführlich verfolgt wird. Das Festival Oude Muziek Utrecht bleibt ebenfalls eine ständige Referenz. Die Aufmerksamkeit, die De Standaard diesen Festivals jetzt schenkt, kann dem Sektor nur zugute kommen.
Die sieben Trends, die der Autor unterscheidet, sind erkennbar und größtenteils zutreffend. Dennoch verdienen sie einige Differenzierung und Ergänzung. Denn vieles von dem, was heute als „neu" dargestellt wird, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer Entwicklung, die vor Jahrzehnten eingeleitet wurde.
Keine Museumsstück mehr? Das ist längst der Fall.
Nach De Standaard ist alte Musik kein Museumsstück mehr. Das stimmt, aber diese Entwicklung ist alles andere als neu.
Angenommen, die historische Aufführungspraxis wäre in den siebziger Jahren steckengeblieben. Wir könnten immer noch, und manchmal ist das noch der Fall, wunderbare Interpretationen von Pionieren wie Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt, Frans Brüggen, Philippe Herreweghe, Sigiswald Kuijken oder Paul Van Nevel genießen. Aber die Frage ist, ob die Alte-Musik-Welt heute noch dieselbe Vitalität ausstrahlen würde, wenn es dabei hätte enden sollen.
Es sind gerade diese Pioniere, die die Grundlagen gelegt haben. Sie rekonstruierten Instrumente, studierten Manuskripte, entwickelten Aufführungspraktiken und bewiesen, dass alte Musik viel mehr sein konnte als eine romantische Interpretation von Jahrhunderte alten Partituren.
Ihre größte Leistung ist vielleicht gar nicht einmal musikalisch, sondern kulturell und wirtschaftlich. Sie schufen eine vollwertige Industrie. Ich verwende bewusst das Wort „Industrie", nicht im negativen Sinne, sondern in der wirtschaftlichen Bedeutung des Wortes. Um alte Musik entstand ein Netzwerk von Festivals, Ausbildungsstätten, Ensembles, Forschern, Instrumentenbauern, Plattenlabeln und Konzertveranstaltern, das heute Tausenden von Menschen Arbeit verschafft und einen beträchtlichen kulturellen Mehrwert schafft.
Gerade weil diese Grundlagen so solide sind, kann sich die aktuelle Generation eine gewisse künstlerische Freiheit leisten, obwohl es harte Arbeit bleibt.
Forschung und Kreativität verstärken sich gegenseitig
Der Autor bemerkt zu Recht, dass Aufführende heute zunehmend von der Forschung ausgehen, ohne sich ihr völlig zu unterwerfen. Das ist eine Bereicherung der historischen Aufführungspraxis und ein logischer nächster Schritt.
Wer die Quellen und Techniken gründlich kennt, ahnt und beherrscht, traut sich auch, kreativ damit umzugehen. Neue Rekonstruktionen, vergessene Manuskripte und fragmentarisch überliefertes Repertoire bilden heute oft den Ausgangspunkt für Konzerte, die gleichzeitig historisch fundiert und künstlerisch abenteuerlich sind.
Dasselbe gilt für den zweiten Trend, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht.
Während die erste Generation hauptsächlich den Komponisten und den Kontext verstehen wollte, versucht die aktuelle Generation vor allem, den Menschen hinter der Musik zu entdecken. Dadurch entstehen immer häufiger Programme rund um kaum bekannte Komponisten oder völlig vergessene Musik. Regelmäßig verlässt man solch ein Konzert mit der Überzeugung, etwas Außergewöhnliches gehört zu haben, obwohl man vor dem Konzert noch nie von dem Komponisten oder der Musik gehört hatte. Das beweist, dass alte Musik ihre Identität bereichert und sich weiterentwickelt.
Der Kanon wird größer, nicht kleiner
Die Erweiterung des Kanons (schwieriges Wort für „das klassische Repertoire") ist kaum überraschend.
Lassus, Monteverdi, Bach und Händel bleiben glücklicherweise die Orientierungspunkte des Repertoires. Aber inzwischen haben Dutzende von Forschern die Archive Europas durchkämmt. Manuskripte, die jahrhundertelang Staub sammelten, werden neu herausgegeben, untersucht und aufgeführt.
Das ist vielleicht eine der größten Leistungen der historischen Aufführungspraxis: nicht nur bekannte Meisterwerke aufzuführen, sondern Tausende von Seiten Musik zu retten, die sonst für immer vergessen wären.
Festivals verkaufen keine Konzerte mehr, sondern Erlebnisse
Ein weiterer Trend, den De Standaard zu Recht benennt, ist die Entwicklung von Festivals zu Gesamterlebnissen.
Konzerte stehen heute selten für sich allein. Vorträge, Ausstellungen, Stadtrundgänge, Begegnungen mit Künstlern, Workshops und kulinarische Aktivitäten sind immer häufiger Teil derselben Geschichte.
Das ist übrigens kein exklusives Merkmal alter Musik. Wer heute ein Filmfestival besucht, ein Museum entdeckt oder sogar ein großes Popfestival wie Tomorrowland erlebt, bemerkt die gleiche Entwicklung. Besucher suchen nach Erlebnis, Vertiefung und Kontext.
Improvisation ist nie verschwunden
Den fünften Trend fand ich persönlich am wenigsten überraschend. Improvisation gehört nämlich schon seit dem Mittelalter zur Musik. Die mittelalterliche Monodie, die frühe Polyphonie, die Renaissancemusik und sogar der Barock gingen davon aus, dass ein Aufführender mehr tat, als nur Noten zu reproduzieren.
Was sich heute ändert, ist die Art und Weise, wie Musiker mit unvollständig überliefertem Material umgehen. Aus ihrem historischen Wissen rekonstruieren sie fehlende Stimmen oder bauen um einige erhaltene Linien herum eine komplette musikalische Architektur auf. Das erfordert nicht nur Fantasie, sondern vor allem enorme Fachkompetenz.
Alte Musik blickt auf die Gegenwart
Vielleicht ist die auffälligste Entwicklung, dass alte Musik zunehmend nach Anschluss an heutige Themen sucht.
Es gibt schöne Beispiele dafür.
Ich denke zum Beispiel an Christina Pluhar, die in einem jüngsten Programm die Migrationsrouten über den Balkan als Inspiration nutzte. Ihr Ausgangspunkt war die Tragödie von Dutzenden von Migranten, die vor Jahren tot in einem Lastwagen in Österreich gefunden wurden. Diese Geschichte entwickelte sich zu einem Musikprogramm, in dem alte Musik eine zeitgenössische Bedeutung erhielt. Solche Projekte zeigen, wie historische Musik heute wieder gesellschaftliche Relevanz erlangen kann.
Doch hier liegt auch ein Spannungsfeld vor.
Wer den Diskussionen zwischen Paul Van Nevel und Björn Schmelzer von Graindelavoix folgt (ich verweise hier gerne auf die großartigen Podcasts „de Uil van Minerva" von Johan Geerts), bemerkt, dass der alte Gegensatz immer noch besteht. Wie weit darfst du gehen, wenn du alte Musik aktualisierst? Darfst du heutige Philosophien oder gesellschaftliche Ideen auf Repertoire projizieren, das vor Jahrhunderten entstand?
Diese Debatte ist gesund und äußerst interessant. Also bitte, bringt sie auf!
Alt und Neu schließen sich nicht aus
Der letzte Trend beschreibt, wie zeitgenössische Kompositionen zunehmend neben alter Musik aufgeführt werden. Das scheint mir eine besonders positive Entwicklung zu sein. Vielleicht ist das sogar das größte Verdienst der Alte-Musik-Welt, denn alte Musik war einmal selbst neue Musik.
Durch das erneute Studium, die Analyse und das Verständnis von jahrhundertealten Partituren entsteht Inspiration für zeitgenössische Komponisten. Alte Musik liefert heute erneut Sauerstoff für neue Kreationen und Werke für zeitgenössische Komponisten. Dies beweist, wie lebendig diese Musik noch immer ist.
Was ich noch hinzufügen möchte
Dennoch vermisste ich einige wichtige Beobachtungen im Artikel.
Erstens das enorme Qualitätswachstum. Vor vierzig Jahren kannte jeder die gleiche Handvoll Top-Ensembles. Heute gibt es Dutzende von Ensembles auf internationalem Niveau. Auch junge Sänger, Instrumentalisten und Dirigenten erreichen ein künstlerisches Niveau, das vor einigen Jahrzehnten kaum vorstellbar war.
Dieses Wachstum hat natürlich auch eine Kehrseite. Das Angebot ist so groß geworden, dass sich Ensembles immer stärker unterscheiden müssen. Das erklärt vielleicht auch, warum Festivals ständig nach neuen Ansätzen suchen. Und ja, manchmal präsentieren sie auch "erzwungene" Programme.
Darüber hinaus stelle ich auch eine gegenläufige Bewegung fest. Während Festivals volles experimentieren, höre ich immer häufiger Konzertbesucher nach den großen Monumenten des Repertoires verlangen. Bach, Monteverdi, Lassus und Händel üben weiterhin eine enorme Anziehungskraft aus. Der Erfolg des spezialisierten Bach in De Stad-Festivals zeigt das unmissverständlich. (Mit Stad meine ich hier natürlich Antwerpen)
Erneuerung ist notwendig. Aber auch die traditionellen Meisterwerke verdienen ihren Platz. Ich bin davon überzeugt, dass das Gleichgewicht zwischen beiden zu finden die größte Herausforderung für die Festivals von morgen sein wird, nicht zuletzt haushaltspolitisch.
Alte Musik ist erwachsen geworden
Wer die sieben Trends der De Standaard aufmerksam liest, bemerkt vor allem, wie reif die Alte-Musik-Welt geworden ist. Die historische Aufführungspraxis hat sich von einer Pionierbewegung zu einem internationalen Netzwerk von Musikern, Forschern und Festivals entwickelt, das künstlerisch und wirtschaftlich fest verankert ist.
Die Pioniere legten die Grundlagen. Die heutige Generation baut darauf auf. Und die nächste Generation wird das zweifellos wieder anders tun. Denn letztendlich ist alte Musik nie wirklich alt gewesen. Sie war einmal selbst neu.
Und genau deshalb stellt sie auch heute noch neue Fragen, erzählt neue Geschichten und inspiriert neue Musik. Das ist vielleicht der schönste Trend von allen und der Grund, warum jedes Alte-Musik-Konzert eine regelrechte Entdeckung ist.
Foto: (c) manuscript finder