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Bekannte und unbekannte leidenschaftliche Leidenschaften

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· 9 Min. Lesezeit
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Bekannte und unbekannte leidenschaftliche Leidenschaften

Die Passionszeit ist schon wieder vorbei, zahlreiche Orchester, Chöre, Solisten und Dirigenten haben sich in den letzten Monaten besonders bei der Einstudierung und Aufführung der beiden berühmtesten Passionen, der Mattheüspassion und der Johannespassion von Johann Sebastian Bach, ins Zeug gelegt, aber auch völlig unbekannte Werke kamen zur Sprache.

Am Karfreitag strahlte Klara (der flämische Klassik-Radiosender der VRT) die Mattheüspassion von Bach aus. Es war eine Aufführung unter der Leitung von Sigiswald Kuijken mit La Petite Bande in einer Präsentation von Bart Stouten. Wer die Passionen von Bach „einfach" kannte oder (noch) nicht kannte und zuhörte, hat auf jeden Fall (sehr) viel dazugelernt.

Eine sogenannte „solistisch" besetzte Aufführung kennt viele Befürworter und Gegner. Persönlich bin ich kein großer Fan der solistischen Aufführung, aber bin nicht grundsätzlich dagegen, folge aber eher der Auffassung von Ton Koopman, der für Orchester, Solisten und Chor eintritt. Nun ja, jeder hat seine Meinung und Sichtweise. Beide Parteien haben Argumente, die stark zu verteidigen sind, eher als dass sie angreifbar sind. Ein glücklicher Umstand, der jedem die Möglichkeit gibt, eine Aufführung zu genießen oder daran teilzunehmen (und also auch zu genießen), wie er/sie sie am liebsten hat.

Solange der überwältigende Inhalt, die reichen Texte beider Passionen, zu ihrem Recht kommen. Das ist von großer Bedeutung. Besonders die Rolle des Evangelisten ist nicht zu unterschätzen. Wenn man einen Evangelisten hat, der seinen Text betonend singt, bekommt die Passion einen viel tiefergehenden Inhalt und Bedeutung, dann verändert sie sich – ob es nun die Matthäus oder die Johannes ist – in musikalischer Tiefe. Sie geht mehr unter die Haut als eine einfach schön musikalisch gestaltete Aufführung.

Johannespassion durch Hildebrandt Consort

So komme ich zur Aufführung der Johannespassion durch das Hildebrandt Consort unter der Leitung von Wouter Dekoninck. Ich hörte sie in der Sint-Geertruikerk in Leuven. Eine Kirche in einer Umgebung, die für sich allein schon inspirierend wirkt mit den verbleibenden Abteigebäuden und dem schönen kleinen Beginenhof – wo ist die Zeit, als es noch ein Slumviertel war?

Ein Fehler von mir war es, in der ersten Reihe zu sitzen. Ich tue es selten, würde sogar sagen nie, und der Grund dafür wurde mir noch einmal deutlich klar. Man hört den Teil der Musiker, vor dem man sitzt, viel stärker als die anderen, das Gleichgewicht ist also nicht im Einklang, und das ist nicht die Schuld der Aufstellung der Ausführenden, sondern mein Fehler, am Rand der ersten Reihe zu sitzen. Ja, ich mache auch Fehler... Aber nicht zu sehr beschwert, ich hörte alles, die Instrumente, die Solisten, und besonders den Evangelisten. Er tat, was er musste. Den Text buchstäblich auslegen, spielen, deklamieren und sehr rein singend mit großem Nachdruck auf den Silben, wo es notwendig war, um das Drama noch zusätzlich zu unterstreichen. Was für eine starke Rolle bekam das Publikum zu hören! Ja, zum zweiten Mal in einigen Jahren hörte ich erneut einen Evangelisten, der wusste, wo der Inhalt und die Musik sich treffen, wie es selten geschieht. Das Genie Bachs kommt so noch mehr zur Geltung.

Merken Sie sich den Namen dieses Tenors: Lothar Blum. Er gab dieser Passion einen so idealen Ansatz, dass ich nicht den Eindruck loswerde, dass er auch unbewusst die musikalische Linie so gut wie vollständig bestimmte. Die Solisten hielten sich irgendwie etwas zurückhaltender als wir gewöhnt sind, und ich vermute, dass dies genau an der solistischen Besetzung liegt, wo die Sänger gleichzeitig Solist und Chorsänger sind. Hier kommt mein Zweifel an solch einer Besetzung doch noch zum Vorschein, entschuldigen Sie bitte. Dies bedeutet jedoch überhaupt nicht, dass die Aufführung in dieser oder jener Hinsicht musikalisch nicht zu rechtfertigen war, ganz im Gegenteil. Sie war teilweise packend, verschärfte Ihren Einblick in Bachs Werk, ließ Sie stellenweise miterleiden, was Jesus widerfährt. Ein Ungläubiger hätte sich so bekehren können. Vielleicht ist es ja geschehen, das lasse ich dahingestellt. Bekehrt bin ich nicht ganz zur solistischen Aufführung, aber wenn ich sage, dass ich keinen Moment nicht genossen habe, lüge ich.

Dass diese unbekannte Passion zum Repertoire wird!

Nur wenige von Ihnen werden bereits von dem italienischen Komponisten Gaetano Veneziano (1655-1716) gehört haben. Einmal hörte ich im Radio etwas davon und ich denke, ein Werkchen von ihm auf einer CD besprochen zu haben, vor einigen Jahren. Bitte fragen Sie mich nicht, auf welcher CD, ich weiß es nicht mehr. Und hatten Sie schon von Antonio Lola (1643-nach 1715) gehört? Ich auch nicht, bis Leonardo Garcia Alarcon Werke beider Komponisten programmierte und diese in erneuerten Weltpremieren im Paleis voor Schone Kunsten in Brüssel aufführte.

Wie üblich konnte er auf sein junges Millennium Orchestra zurückgreifen – denken Sie ja nicht, dass ich bereue, dass Klassiek Centraal ihm ein Goldenes Label Debut gab, im Gegenteil, ich bin noch mehr überzeugt, dass es die richtige Wahl war – und den Choeur de Chambre de Namur mit eigenen Solisten und zusätzlich den Sopranisten (sagen Sie lieber das als Countertenor oder Altus) Valer Sabadus, Francisco Javier Manalich Raffo (Tenor) und den Bariton des „Hauses" Philippe Favette.

Die größte Partie für die Solisten fällt dem Evangelisten zu, genau wie bei Bach, aber wissen Sie, dass Bach geboren wurde in dem Augenblick, als der 20-jährige Gaetano Veneziano in Neapel diese Passion komponierte. Die Passion hat auch nicht den operaartigen Charakter wie viele deutsche Passionen, die von Bach eingeschlossen. Sie ist viel mehr Oratorium und weniger ausgearbeitet mit ausführlichen Arien.

Dirigent Alarcon erzählt uns eine Stunde vor dem Konzert noch mehr über diese Leidenschaft und die beiden Komponisten auf dem Programm. Wir erfahren, dass der ältere Scarlatti sich für dieselbe Position bewarb wie der junge Veneziano, der die Position zugewiesen bekam. Das sorgte für Neid, und auch Scarlatti schrieb eine Passion, um zu beweisen, wer nun wirklich der beste war. Aber leider wirkte Scarlatti überalternd, hing noch zu sehr an Monteverdi und also sehr frühem Barock und später Renaissance. Der junge Veneziano dagegen war modern und das erwies sich als ansprechender. Vielleicht war er auch viel attraktiver und spielte das auch eine Rolle, aber da können wir nur raten.

Wie dem auch sei, Alarcon führte keine Recherche in diesen Partituren durch. Dennoch wissen wir, dass er gerne seine Nase in alte Partituren steckt, um das eine oder andere wieder ans Licht zu bringen, aber diesmal war es jemand anderes, der die Partituren bereits entstaubt hatte, nämlich der Lütticher Musikwissenschaftler und Cembalist David Glückmann (in Flandern so gut wie völlig unbekannt). Er sprach 2014 über Facebook (so läuft das heutzutage häufiger ab) Leonardo Garcia Alarcon an mit der Frage, ob er Interesse an ein Paar älteren Barockwerken hätte, die er in Neapel in einer Bibliothek gefunden hatte und die dort schon ein paar hundert Jahre ungeordnet herumlagen, unberührt. Alarcon sah sich ein paar Seiten an und wusste sofort, was er zu tun hatte. Gütmann stellte die 200 Seiten wieder zusammen, sie waren ziemlich unordentlich durcheinander, und Alarcon arbeitete sie weiter heraus. Sobald alles wieder zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt war, konnte das Einstudieren beginnen.

Es sollte nicht nur bei dieser Passion bleiben, denn von Antonio Nola kam ein Stabat Mater ans Licht und es wollte sich fügen, dass dies schön an die Passion anschloss. Ein Konzertprogramm war sofort fertig. Alarcon flüstert mir noch ins Ohr, dass Nola mehr als 2.000 Werke komponierte und dass bis heute keines davon aufgenommen wurde. Auch diese Uraufführung wird er auf seinem Namen verbuchen, denn ja, das Stabat Mater von Nola und die Passion von Veneziano erscheinen auf CD. Die Aufnahmen werden in Versailles gemacht.

Chor, Orchester und Solisten leisteten nach besten Kräften und diese besten Kräfte sind Spitze. Nur Lob und Lob und auch Lob kann ich aussprechen. Was für einen schönen Abend durfte ich zusammen mit meiner älteren Mutter genießen (die leider denselben Abend spät zu Hause noch fiel, aber zum Glück keinen Bruch oder sonst etwas erlitt, ihr geht es inzwischen gut!). Sie müssen wissen, obwohl es an sich nichts mit dem Konzert selbst zu tun hat, dass meine Mutter schon seitdem ich ein Kleinkind war und Mozart, Beethoven und Wagner entdeckte, aber auch Händel, Haydn und Vivaldi, mein hörendes Ohr war und mich mein ganzes Leben lang ermutigte, mit „der Musik" weiterzumachen. Schon damals, als kleiner Junge, kommentierte ich die Musik und die Aufführungen, warum sie gut oder nicht gut genug waren. Und so ist es noch immer, nur erzähle ich es jetzt nicht mehr nur ihr...

Genauso wie bei der Aufführung der Johannespassion fiel auch diesmal der Evangelist durch seine nicht zu übertreffende Interpretation auf. Die Geschichte war verständlich, obwohl ich kein Latein (der Text ist auf Latein) kenne. Valer Sabadus ist jedoch mehr als ein Evangelist für diese Passion. Er hat eine herrliche Stimmfarbe, sanft, voll, tragend, betörend und er verbindet dies mit einer glänzenden Technik und vor allem mit einer Musikalität, die ihn weltberühmt macht – seine Karriere ist im Galopp – und ihn zu einem oder dem Nachfolger von Andreas Scholl machen wird. Die Stimme ist anders und dennoch musst du sofort an diese Ergriffenheit denken, die Scholl immer wieder hervorbringt. Zierlich, stilvolle, elegant und verfeinert. So kann man Sabadus' Gesang beschreiben. Du musst (ja, musst!) von mir aus sicher zuhören, wenn du die Gelegenheit bekommst, und lass mich wissen, ob ich dir einen falschen Rat gab.

Zwei neue Repertoirewerke von bis vor kurzem vergessenen Komponisten. Sie stehen wieder auf dem Spielplan und ich vermute stillschweigend, angesichts der mehr als 2.000 Werke von Antonio Nola, dass wir von ihm sicher noch viel mehr von ihm und auch von Veneziano in einer erneuerten Weltpremiere zu hören bekommen. Kommst du dann auch zuhören?


  • WAS: Johannespassion und Matthäuspassion von J.S. Bach, Passio del Venerdi Santo von Gaetano Veneziano, Stabat Mater von Antonio Nola
  • WER: Dirigent Leonardo Garcia Alarcon, Valer Sabadus (Sopranist in der Rolle des Evangelisten), Francisco Javier Manalich Raffo (Tenor in der Rolle von Christus) und Philippe Favette (Bariton in der Rolle des Pontius Pilatus), Choeur de Chambre de Namur und Millenium Orchestra
  • WO & WANN: Johannespassion: Sint-Geertruikerk, Leuven, 24.3.2018 und Veneziano/Nola: Bozar, Henry Le Boeufzaal, Brüssel, 28.3.2018
  • FOTOS: mt
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