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SOV-SPECTRA Dirigier-Masterclass

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SOV-SPECTRA Dirigier-Masterclass

Mit jungen Dirigenten an der Reihe wollen das Symfonieorkest Vlaanderen und das Spectra ensemble einige junge Talente die Chance geben, mit beiden Ensembles sowohl an zeitgenössischen Werken als auch an der Ersten von Brahms zu arbeiten. Eine Chinesin, ein Italiener und ein Brite dürfen das Spectra und das SOV dirigieren. Alle drei haben bereits eine schöne Bilanz als Dirigenten vorzuweisen, lesen wir im Programmheft. Vor der Pause stehen Werke auf dem Programm von Frank Nuyts, Annelies Van Parys und Jean-Luc Fafchamps, vom Spectra ensemble unter der Leitung von resp. der Chinesin Chunyi Zhao, dem Italiener Marco Crispo und dem Briten Mathew Rhodes. Für diese Session wurden die drei jungen Dirigenten nicht von der Chefdirigentin Poska gecoacht, sondern von Professor Christian Ewald von der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin.

Partituren


Einer nach dem anderen betreten die jungen Dirigenten mit ihrer Partitur unter dem Arm das Podium. Ich frage mich, ob das kleine erfahrene Ensemble überhaupt einen Dirigenten braucht, wenn die drei mehr mit ihrem Kopf in der Partitur gebeugt stehen, als auf die Musiker zu schauen. In Bezug auf Koordination sind es auch sehr unterschiedliche Stücke. Nuyts' Five Penny Beats & The Seven Beats Itch wirkt wie Unterhaltungsmusik, die gar nicht schwer ins Ohr geht. Die Fragrances von Annelies Van Parys klingt dagegen wie Unterwassermusik, in der eine Altflöte plötzlich wie ein verirrtes Nilpferd brüllt. Das Werk Lettre Soufie: Sh(in) von Fafchamps wirkt wie ein langes klagendes Lamento.

Nach der Pause kommt das bekannte Repertoire an die Reihe, die Erste Sinfonie von Brahms. Am vergangenen Wochenende spielte das SOV diese Sinfonie in diesem Saal bereits mit dem tschechischen Dirigenten Jiří Rožeň. So habe ich einen Bezugspunkt und kann die beiden Aufführungen vergleichen. Was macht ein Dirigent? Was ist die Rolle eines Dirigenten? Fragen, auf die es zwar einfache Antworten gibt, die aber andererseits nicht so einfach zu beantworten sind.

Ein seltsamer Beruf


Dirigent ist ein sehr seltsamer Beruf. Von den hundert Musikern, die manchmal auf der Bühne stehen, ist der Dirigent derjenige, der selbst keinen Ton hervorbringt. Außerdem ist er derjenige, der mit seinem lautlosen Beruf am meisten verdient. Ein Dirigent schlägt den Takt. Das ist die Grundlage, eine notwendige, aber keine ausreichende Voraussetzung, um von einem Dirigenten zu sprechen. Um diesen Takt für jeden Orchestermitglied sichtbar zu schlagen, benutzt der Dirigent manchmal einen Stab, aber nicht immer.

Ein Dirigent kann bestimmte Tempi, eine bestimmte Interpretation dem Orchester aufzwingen. Andererseits hat ein Orchester immer seinen eigenen Sound und eine Tradition, die sich oft über viele Jahre mit vielen Dirigenten entwickelt hat. Eine bessere Antwort auf die Frage nach der Funktion und dem Nutzen des Dirigenten ist der Dirigent, der als Persönlichkeit das Orchester begeistern, enthusiasmieren, Energie geben kann. "He can electrify the orchestra", sagte man einmal vom jungen Stardirigenten Zubin Mehta.

Ronald Zollman


Vielleicht muss man es selbst als Orchestermusiker erlebt haben, um zu wissen, was ein Dirigent bewirken kann, wie er den Klang eines Orchesters formen kann, wie er eine Melodie oder eine musikalische Phrase nach seinem Willen gestalten kann. Ich habe das in jungen Jahren erlebt, als ich 1982 als Violinist im Studentenorchester des Brüsseler Konservatoriums mitwirkte. Ich war siebzehn. Der Dirigent war Ronald Zollman, damals noch ein junger Dreißiger und Professor für Orchesterleitung.

Ich werde seinen ersten Schlag von Tschaikowskis Vierte niemals vergessen. Es war, als könnte er die Musik in der Luft um sich herum formen. Es war, als könnte er eine wilde Fahrt eines Vierspänners dennoch unter Kontrolle halten. Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was der Mann an die Musiker vermitteln konnte und wie. Natürlich spielte die Gestik eine große Rolle, aber auch etwas Mentales, eine Energie, mit der er uns Studenten begeisterte. Inzwischen ist Zollman über siebzig, hat eine große internationale Karriere hinter sich und dirigiert weiterhin, u.a. als Generalmusikdirektor der Philharmonie Pilsen in Tschechien. Zollman hatte immer eine kleine Partitur auf dem Pult, eine Taschenpartitur, die er während des Dirigierens kaum anschaute. Viele Dirigenten dirigieren ohne Partitur, besonders bei bekanntem Repertoire wie Brahms' Erste von heute Abend.

Ein Anführer oder ein Begleiter


Die jungen Dirigenten wechseln sich erneut ab. Der Brite Rhodes beginnt mit dem ersten Satz, der Italiener Crispo dirigiert Sätze zwei und drei, die Chinesin darf das Finale schlagen und tut dies mit ihrem ganzen kleinen Körper. Hätte ich im Orchester gesessen, hätte ich am liebsten den Italiener vor mir gesehen, er wirkte am integesten. Man kann sich bewegen, gestikulieren, aber man kann auch zu viel mit den Armen herumfuchteln, wie die Chinesin. Alle drei haben eine Partitur vor sich, auf die ihre Blicke zu oft gerichtet sind. Ein Dirigent muss nicht jede Note in der Partitur kennen. Er muss die großen Linien angeben können und manchmal kleine Details akzentuieren.

Ist ein Dirigent ein Anführer? Er ist viel mehr ein Koordinator, der alles zusammenhält wie ein Kutscher sein Vierspann. Vor allem ist der Dirigent ein Zuhörer, der jedes Detail hört, der bemerkt, wenn die zweite Klarinette oder das dritte Horn einen falschen Ton spielt. Oft braucht es dafür keine breiten Gesten oder große Gestik. Letztes Jahr stand der 86-jährige Zubin Mehta noch einmal vor einem Orchester, dem Jugendorchester der Buchmann Mehta Academy in Tel Aviv. Seine energische Schlag, seine heroische Gestik von einst hat er verloren, aber das Wesentliche ist geblieben. Mit minimalen Bewegungen und Blicken begleitet er das junge Orchester durch die Vierte von Brahms. Eine Lektion in Demut, eine Lektion darin, dass Dirigieren mehr Zuhören, Motivieren ist, Begleiten und Lenken mit oft sparsamen Bewegungen.

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