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Spektakelballet 'RASA (nach La Bayadère)'

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· 5 Min. Lesezeit
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Spektakelballet 'RASA (nach La Bayadère)'

Opera Ballet Vlaanderen, ein bevorzugter Treffpunkt, bringt gerne die großen Ballettklassiker mit einem Facelift. Künstlerischer Direktor Sidi Larbi Cherkaoui sucht bewusst nach Choreografen, die eine neue, frische Version der Klassiker schaffen. Er lud den vielversprechenden argentinischen Choreografen Daniel Proietto ein, ein Update von La Bayadère von Ludwig Minkus speziell zum 50-jährigen Jubiläum von Ballet Vlaanderen zu schaffen.

Ursprung und neuer Kontext

La Bayadère (Die Tempeltänzerin) ist eines der Paradestücke des klassischen Ballettrepertoires und wurde erstmals vom Kaiserlichen Ballett im Bolschoi-Theater in Sankt-Petersburg aufgeführt, choreografiert von Marius Petipa, am 4. Februar 1877. Das Ballett kombinierte das exotische Setting des 19. Jahrhunderts in Indien mit der erstaunlichen Virtuosität der russischen Balletttechnik. Die ursprüngliche Geschichte erzählt von der verbotenen Liebe zwischen einer Tempeltänzerin und dem Krieger Solor.

Choreograf Proietto verlegt die Geschichte ins 21. Jahrhundert und ins heutige Indien und beleuchtet den neokolonialen Blick des Westens auf den Osten. Strukturelle Faktoren wie soziale und kulturelle Normen. Die Bayadères gibt es in Indien immer noch, aber sie haben jeden sozialen Status verloren. Die Bayadère in RASA ist eine genderfluide Prostituierte, die auf die Grenzen einer frauenfeindlichen Welt trifft. Das Ballett erhält dadurch eine völlig neue Färbung. Es beleuchtet Phänomene wie Geschlecht, Gemeinschaft, Isolation und Machtsverhältnisse. Was sich in einen kompletten Gegensatz zum Originalwerk auswirkt. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart klafft eine riesige Lücke. Man kann die gesellschaftliche Ordnung des 19. Jahrhunderts nicht auslöschen. Der Ansatz, diese Aufführung eine „Contestation" zu nennen, ist weit hergeholt.

In seiner Choreografie kombiniert Proietto Techniken des klassischen Balletts mit Elementen aus traditionellen indischen Tänzen und zeitgenössischen Bewegungen.

Der schwedische Komponist Mikael Karlsson schrieb eine völlig neue Partitur mit verschiedenen Musikarten und Einflüssen aus allen Ecken der Welt. Sie wird live vom Casco Phil Orchester unter der Leitung von Benjamin Haemhouts aufgeführt. Eine schöne Kombination: Die dramaturgische Analyse speiste die musikalische Interpretation und umgekehrt. Eine überraschende Erscheinung ist der Apostel des Lebensliedes Guido Belacanto, der als Tuk-Tuk-Fahrer auftritt. Mit seinen langen grauen Locken ist er die Verkörperung eines weisen Mannes, der durch seine Lebenserfahrung Einblick in die verschlungenen Wege der Liebe gewonnen hat. Die monumentale Treppenpartie auf drei verschiedenen Höhen mit kleinen Plateaus dazwischen bietet viele Spiel- und Tanzmöglichkeiten. Die Kostüme von Modedesignerin Tamai Hirokawa können sich sehen lassen.

Aufführung

Ein Ballett mit Inhalt zu füllen, Spannung und Entspannung, Widerstand und Komplizenschaft, kulturelle Hintergründe in einer vernetzten Vision ist eine äußerst schwierige Aufgabe. Daniel Proietto möchte es zu gut machen. Was darstellende Künste anbelangt, leben wir in einer Zeit der Hybridisierung, Mischformen und Crossovers und daran ist überhaupt nichts auszusetzen, es ist meist bereichernd, aber das Publikum kommt zu einem Ballett, um sich hauptsächlich am Tanz zu erfreuen.

Teil eins

Dieser junge Choreograf zieht alle Register und geht in den Überantrieb. Es ist ein abgedroschenes Klischee, aber weniger ist mehr. Die Geschichte wird ewig auseinandergezogen und zersplittert sich in Anekdotisches und ein Durcheinander von Stilen, um dem Ganzen etwas Leichtigkeit zu geben. Die roboterhaft bewegenden Krankenschwestern, die furiose Königin Victoria und Kaiserin von Indien (Zoë Ashe-Browne), die im Rollstuhl herumgefahren wird, der ständig palavernde Faker in einer rhetorischen Flut (Matt Foley). Es wird etwas zu einer Pastiche. Die Aktion und Handlung springt von hier nach dort wie ein Ball in einem Flipperautomaten. Doch es gibt schöne Szenen dazwischen, wie das Duett zwischen dem Straßenjungen Nicky, der mit seiner Geschlechtsidentität ringt (Daniel Domenech), und Solor, getanzt von dem charismatischen kubanischen Gastdänzer Osiel Gouneo in einer intimen, intensiven Interaktion. Ergreifend ist die kleine Straßengöre, die nach Bildung strebt und in der Gesellschaft wahrgenommen werden möchte. Es gibt auch ein geschicktes Duett zwischen Solor und Gamzatti (Nicha Rodboom), die gezwungen werden zu heiraten. Solor reagiert kühl und ablehnend, Gamzatti unterwürfig. Erst am Ende von Teil eins wird wirklich getanzt, in einer Explosion von Lebensenergie, und das Ganze bekommt eine kabaretthafte Ausführung.

Teil zwei

Ganz loslösen kann sich Choreograf Proietto doch nicht vom Originalwerk. Das „Reich der Schatten" bekommt bei ihm eine besonders fesselnde und halluzinante Ausführung. Solor irrt verloren zwischen den weißen Schatten umher, ein technisches Meisterwerk und eine ästhetische Erfahrung. Es wirkt metaphysisch. Die Figuren irren verloren im Grenzgebiet, in dem sich Schatten wie Wellen in einem bestechenden Bildersturm bewegen. Die Toten und Lebenden streifen aneinander vorbei in ihrem Kommen und Gehen, und Gegenwart und Vergangenheit berühren und überlappen sich.

Teil drei

In dieser letzten Szene greift er noch einmal extra aus mit einer Wassernummer, in der der Spitzentänzer Osiel Gouneo glänzt. Auch hier wieder ein Überfluss an Bildern: ein spielender Elefant, Stiere, Affen, Tänzer mit Flügeln, stark stilisierter indischer Tanz, ausgelassene Bollywood-Tänzer in der Wassernummer, jeder bekommt in einem eklektischen Mix einen Platz auf der Bühne. Solor ist allein in der Masse. Allmählich leert sich die Bühne. Was bleibt, sind einige Bettler, unter denen Solor wandelt und das Publikum zu den Eröffnungsbildern zurückführt. Der Kreis schließt sich.

Das Publikum sieht nicht länger ein „Ballett", sondern ein Gesamtkunstwerk, das aussagekräftig ist und auf spiritueller, intellektueller und emotionaler Ebene ansprechen und bewegen möchte. Vollständig gelingt dies Choreograf Proietto jedoch nicht. Das Ganze entgleitet wie Wasser durch die Finger, es fehlen Spannung und Funke. Das Publikum bleibt hungrig, was sich in geduldigen, aber nicht direkt begeisterten Applaus zeigte. Diese junge Choreografin hat zweifelsohne Talent, sucht aber noch nach sich selbst und möchte zu viel zur Schau stellen. Den Tänzern von Ballet Vlaanderen gebührt nur Lob.


  • WAS: RASA (nach La Bayadère)
  • WER: Ballet Vlaanderen,
  • CHOREOGRAFIE: Daniel Proietto
  • KOSTÜME: Modedesigner Tamai Hirokawa
  • MUSIK: Mikael Karlsson (Komponist), Casco Phil Orkest u.L.v. Benjamin Haemhouts
  • FOTOS: © Filip Van Roe

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