Das 'Norderlicht' oder Aurora Borealis ist ein Naturphänomen, eine geomagnetische Lichtererscheinung, die jeder gerne einmal sehen möchte. Die Pracht schlägt jeden in Erstaunen und ergreift das Herz. Musik hat dieselbe Verzauberung und Intensität. Dies ist wiederum ein mit Sorgfalt und Aktualitätsrelevanz aufgebautes Programm des Symfonieorkest Vlaanderen. Ein schön zusammengestelltes Orchester mit einem Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Instrumentalisten. Kristiina Poska, seit 2019 Generalmusikdirektor des Symfonieorkest Vlaanderen, leitet das Ganze mit Charisma.
'Different from habit' Frank Nuyts (1957)
Dieses Konzert eröffnet mit einem Werk aus eigenen Reihen. Der Genfer Komponist Frank Nuyts befindet sich in der Blüte seines Lebens und wurde 65 Jahre alt. Das konnte Symfonieorkest Vlaanderen nicht unbemerkt lassen. Frank Nuyts ist ein Erneuerer wie der verstorbene Karel Goeyvaerts. Er komponiert gerne herausfordernde Musik. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der Postmoderne in Flandern. Dennoch schrieb er auch Kompositionen für klassische Besetzungen. Sich selbst in Frage stellen, das ist es, was Nuyts in dem geschickten Orchesterwerk 'Different from habit' tut. Dieses Werk wurde 2004 im Auftrag des Symfonieorkest Vlaanderen geschaffen. Dieses Stück steckt voller Überraschungen mit einer wichtigen Xylophonpart. Es verklanglicht das Hamsterrad der Existenz, im Eilzempo durchs Leben, mit melodischen Intermezzos.
'Concerto für Violine, opus 47' Jean Sibelius (1865-1957)
Der finnische Komponist und Violinist Jean Sibelius machte sich zum Nationalhelden im von Russland unterdrückten Finnland. Der Höhepunkt seiner Karriere fiel parallel mit zunehmendem politischem Druck aus Russland zusammen. Wir sind inzwischen über hundert Jahre weiter und 'l'histoire se répète' in der Ukraine!
Eine Komposition ist zumeist ein Werk von großer Atem. Ein Perfektionist wie Sibelius ist nicht schnell zufrieden. Er begann mit dem Werk 1903. 1904 wurde es zum ersten Mal aufgeführt, aber niemand war wild davon, nicht einmal Sibelius selbst. 1905 begann er eine grundlegende Überarbeitung. Im Oktober 1905 fand die erste Aufführung statt. Hier und da wurde noch nachgebessert. Eine zweite Version erlebte einen Siegeszug durch die Säle.
Dieses Violinkonzert ist ein Prestigestück für jeden Geigervirtuosen. In deSingel tritt nicht der erste beste auf. Diese wunderbare Komposition, die Bilder der unberührten, wilden finnischen Natur heraufbeschwört, verlangt nach einer feinfühligen Solistin, die in der Person des Toptalents Alina Pogostkina gefunden wurde. Die ursprünglich russische Solistin erscheint in einem wunderschönen, fließend fallenden, asymmetrischen taupe langen Kleid. Sie hat die Ausstrahlung einer griechischen Göttin.
2005 gewann die Geigerin mit diesem Werk den führenden, internationalen Sibelius-Wettbewerb. Seitdem vertieft sie die Intensität des Werks bei jedem Auftritt weiter. Die Violine ruht auf ihrer nackten Schulter. Die Vibrationen ihres Instruments resonieren durch ihren ganzen Körper, der zur Musik mitschwingt.
Das Konzert beginnt mit sanft streichelnden Violinklängen. Der Aufbau ist einfallsreich und faszinierend voller bezaubernder Melodien. Was so geschickt an dieser Komposition ist, ist dass der Violinist exzellieren kann, aber dass Sibelius den Orchestermusikern ebenso wichtiges Material zur Verfügung stellt. Das erste Thema in der Solo-Violine wird durch die Klarinette echohaft wiedergegeben. Die Holzbläser und Pauken begleiten die Violine danach in einer langen virtuosen Passage. Wenn die Solistin ab und zu pausieren darf, bekommt das Orchester die Chance, seinen vollständigen harmonischen und dynamischen Reichtum zur Schau zu stellen.
Im letzten Teil 'allegro, ma non troppo' werden alle Bremsen gelöst mit seinem berühmten zigeunerartigen Thema. Das Rondoteil ist ein würdiger Abschluss dieses rhapsodischen und technisch anspruchsvollen Violinkonzerts. Jemanden auf solch virtuose Weise dieses Instrument spielen zu hören und zu sehen, ist immer wieder eine ergreifende Erfahrung. Noch erwähnenswert: Alina Pogostkina entwickelte 2018 das Programm 'Mindful Music Making', mit dem sie klassische Musiker näher an Achtsamkeit und die Entwicklung individueller Kreativität im 21. Jahrhundert herantragen möchte und sie mental, physisch und emotional unterstützt.
'Symphonie Nr. 4, opus 29 –The Inextinguishable–' Carl Nielsen
Der dänische Komponist Carl Nielsen schrieb diese Symphonie vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und gehört zu den dramatischsten, die er schrieb, mit einem Kampf zwischen zwei Paukensätzen. Nielsen erklärte: "Musik ist Leben. Sobald auch nur eine Note in der Luft oder im Raum erklingt, ist sie das Ergebnis von Leben und Bewegung, deshalb sind Musik und (Tanz) die direktesten Ausdrücke des Willens zum Leben." Er versuchte, die unauslöschliche Lebenskraft, die durch die Schöpfung fließt, in Musik zu erfassen.
Die Komposition ist ein emotionaler Strom von Sanftheit versus Zorn. Die stilistischen Schwankungen werden durch Dynamik, Instrumentierung, Tempo und Tonalität wiedergegeben. Eine ganze Herausforderung für die Dirigentin. Ihr rhythmischer Puls hält die Musik ununterbrochen belebt. 'The Inextinguishable' ist eine dynamische Partitur, die die volle Kraft des Symphonieorchesters zur Geltung bringt. Dieses stürmische Werk ist eine Bestätigung des Lebens und der Zukunft.
In diesem turbulenten globalen Kontext bietet das Konzert eine warme Decke und Hoffnung auf Besserung.
WER: Alina Pogostkina [Violine], Symfonieorkest Vlaanderen u.L.v. Kristiina Poska WAS: NORDERLICHT WO: deSingel WANN: Sonntag 19. Nov. 15 Uhr