Das dritte Konzert des Antwerp Spring Festival fand in der Handelsbeurs statt — dem ständigen Konzertsaal des Festivals. Obwohl das Gebäude ursprünglich nicht als Konzertsaal entworfen wurde, bleibt es ein besonderer Ort, um Musik zu erleben. Der monumentale Raum und seine Geschichte schaffen jedes Mal wieder eine eigene, leicht befremdliche Atmosphäre. Das Thema des Abends lautete: »Die Verzauberung des Stabat Mater«.
Das Programm war in vier deutliche Teile aufgebaut: Fratres von Arvo Pärt, die Drei geistliche Gesänge von Alfred Schnittke, die Weltpremiere von Veni Sancte Spiritus von Pēteris Vasks und zum Abschluss Pergolesis Stabat Mater. Vier Werke, vier Ansätze zur Spiritualität — und doch eine durchgehende Linie: Stille.
Der Anfang gelang sofort mit einem eindringlichen Fratres. Pärts Musik ist sofort erkennbar durch ihre Einfachheit und ihren repetitiven Charakter, ohne je in Leere zu verfallen. Er nennt seinen Stil selbst »Tintinnabuli«, Latein für »Glöckchen«. Fratres existiert in verschiedenen Versionen; an diesem Abend hörten wir die Version für Streicher und Perkussion — für mich eine neue Erfahrung. Das ausgezeichnete Mecheler Ensemble Casco Phil unter der Leitung von Benjamin Haemhouts brachte eine beseelte und tiefgründige Interpretation, aufgebaut aus einem zerbrechlichen Pianissimo, obwohl das manchmal durch eine laute Klimaanlage gestört wurde. Das Thema »Stille«, der rote Faden durch das Programm, wurde hier sofort spürbar. Der Ton war gesetzt. Das Publikum konzentriert.
Ohne Unterbrechung ging das Programm über zu Schnittke. Seine Drei geistliche Gesänge klangen wie verinnerlichte Gebete, nüchtern aber geladen. Der Vlaams Radiokoor hielt es bewusst klein: keine großen Gesten, sondern einen warmen, kompakten Chorsound, der der Musik ihr volles Gewicht gab. Wo Schnittke früher oft die Grenzen suchte, schien er hier alles gerade auf das Wesentliche zurückzufalten. Das Ergebnis war verletzlich und ehrlich. Diese Introspektivität fand eine logische Fortsetzung in der Weltpremiere von Vasks. Veni Sancte Spiritus geht von einem uralten gregorianischen Text aus, ursprünglich während der Pfingstliturgie verwendet und zum Beispiel bei päpstlichen Inthronisationen. Der beschwörende Text ruft den Heiligen Geist auf, um Inspiration zu bringen.
Vasks schrieb seine erste Musik unter dem kommunistischen Regime, das wenig Platz für religiösen Ausdruck ließ. Dennoch blieben Musik und Spiritualität für ihn untrennbar verbunden. Nach dem Tod seines Vaters und dem Ende des Kommunismus entwickelte er ein umfangreiches religiöses Werk, für das er 2022 den Europäischen Kirchenmusikpreis erhielt. Der inzwischen achtzigjährige Komponist begann vor fünf Jahren mit diesem Werk. Obwohl es eindeutig in religiöser Tradition verwurzelt ist, wurde in der Einführung betont, dass das Stück über reine Liturgie hinausgeht.
Das Stück entfaltete sich langsam und filmisch, fast wie eine Landschaft, die sich im Nebel offenbart. Keine großen dramatischen Höhepunkte, aber ein konstantes Atmen, ein Suchen nach Balance, ein Stillstand der Natur, mit geschlossenen Augen zwischen Himmel und Erde — ein Ort ohne klare Konturen, aber mit starker innerer Ruhe. Es scheint, als hätte Vasks bewusst auf den Rhythmus und die Bedeutung der Worte dieser Sequentia gesetzt, und gerade diese Sensibilität gibt der Komposition zusätzliche Tiefe. Die Kraft liegt außerdem darin, dass das Spirituelle nicht aufgezwungen wird, sondern interpretativ offen bleibt. Gleichzeitig hält er der Welt einen unbequemen Spiegel vor. In verschiedenen Interviews ruft er die Welt auf, wieder zur Besinnung zu kommen.
Chor und Orchester brachten diese Weltschöpfung mit sichtbarem Vergnügen und Überzeugung, aber vor allem mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Der Chor sang entspannt und natürlich, fast mühelos, während das Orchester — mit einer beispiellosen, auch visuell spürbaren Ausdruckskraft — die musikalischen Landschaften malte. Alles schien organisch ineinander überzugehen, ohne schwache Momente oder Brüche in der Spannungskurve. Der musikalische »Film« lief ununterbrochen durch und hielt von Anfang bis Ende seinen verzaubernden Griff fest.
Danach folgte, was Moderatorin Vicky Versavel den Höhepunkt des Abends nannte: das Stabat Mater von Pergolesi. Diese mittelalterliche lateinische Hymne drückt den Schmerz Marias bei der Kreuzigung Jesu aus und lädt den Hörer ein, diesen Schmerz mitzufühlen. Pergolesi — der viel zu jung starb — war zu seiner Zeit nichts weniger als eine Art Rockstar: rasend populär, einflussreich und allgegenwärtig. In diesem Werk balanciert er ständig zwischen Andacht und Drama, zwischen Gebet und etwas, das fast opernhaft wirkt. Es bleibt immer wieder gewöhnungsbedürftig, diese Musik auf modernen Instrumenten zu hören. Wer mit historischen Aufführungen vertraut ist, muss seinen inneren Kompass neu kalibrieren. Gleichzeitig hat jede Aufführung ihre eigene Kraft und Aussagekraft, und auch hier lohnte es sich, diese Offenheit zu bewahren.
Die Solisten, die Französin Marie-Juliette Ghazarian und die Portugiesin Camila Mandillo, brachten das Werk mit Überzeugung dar. Ghazarian — offiziell Mezzosopranistin, aber mit einer auffallend tiefen, fast altfarbigen Klangqualität — bildete einen schönen Kontrast zu Mandillos heller Sopranstimme. Es gab ausgesprochene Höhepunkte, Passagen, die wirklich zu Herzen gingen. Gleichzeitig klangen einige Teile etwas flacher, als würde das Spannungsfeld nicht immer vollständig genutzt. Gerade die Momente, in denen beide Sängerinnen wirklich zueinander fanden — fast in jede Stimme der anderen eintauchten — waren besonders stark und hätten durchaus öfter vorkommen können. Mit ihrem operatischen Hintergrund hätten sie zudem noch weiter gehen können, sowohl in der musikalischen als auch in der formalen Interpretation. Gerade dort, in jener zusätzlichen Schicht von Ausdruck, Interaktion und Mut, hätte diese Aufführung noch an Kraft gewinnen können. Ihre Leistung und die der anderen Künstler wurde mehr als verdient mit einer Ovation des begeisterten Publikums belohnt. Der minutenlange Applaus wirkte wie eine Entlastung nach einem Konzert, das ganz im Zeichen der Besinnlichkeit stand.
Wer diesen besonderen Abend verpasst hat, bekommt glücklicherweise noch eine zweite Chance. Sie können dieses Konzert erneut am Donnerstag, 30. April 2026 im Dom von Mechelen im Rahmen des Lunalia Festival besuchen. Das Konzert wird außerdem live auf Klara übertragen.