Marc Bouchkov in der Bijloke am 12. Oktober und Vilde Frang in Concertgebouw Brugge am 19. Oktober.
Elisabethwedstrijd
Seit seinem Auftritt bei der Elisabethwedstrijd im Jahr 2012 macht Geiger Marc Bouchkov eine große internationale Karriere. Am 12. Oktober spielte er das Violinkonzert von Brahms in der Gentser Bijloke mit dem Symfonieorkest Vlaanderen. Was für ein Geiger, welcher Schwung und welche Dynamik! Ein goldener Violinklang, ein raffiniertes Vibrato, das selbst im Konzertsaal Bijloke bis ganz nach hinten dringt. Auch wenn er nicht spielt, strahlt er Begeisterung aus und nickt und wiegt sich mit dem Orchester.
Geiger Bouchkov hat eine besondere Bindung zur Elisabethwedstrijd. Nicht nur Marc 2012, auch sein Vater Evgueni gewann den dritten Preis im großen Jahr 1989, als wir das Phänomen Vadim Repin kennenlernten. Vater Evgueni und Sohn Marc, aber das ist noch nicht alles. 1963 war auch seine Großmutter Zarious Schihkmoursaieva Preisträgerin des Wettbewerbs. Drei Generationen! Marc Bouchkov wurde im französischen Montpellier aus einem russischen Vater und einer ukrainischen Mutter geboren und vereinigt damit beide Länder in sich.
Überwältigend
Bin ich wie viele in erster Linie zum Konzert gekommen, um Topgeiger Marc Bouchkov zu hören, nach der Pause steht noch etwas bevor: Dirigentin Kristiina Poska richtet einige Worte an das Publikum über die zweite Symphonie von Sibelius. In dieser Symphonie nicht nur die dunklen Klänge aus dem geheimnisvollen Norden, es gibt auch helle und warme Klänge, denn er schrieb sie in Italien. "Do not understand but feel this music", rät uns Poska.
Nachdem der letzte Ton erklungen ist, weiß ich nicht genau, was mit mir geschehen ist. So überwältigend habe ich Sibelius noch nie gehört. Ein Lockruf aus dem dunklen Norden, durch den hindurch die Melancholie von Menschen, die zu wenig Sonnenlicht haben, hier und da das Nordlicht durchsticht.
Mammut
Der warme Klang der Streicher, abgewechselt mit dem Schnauben der Blechbläser, dem Sausen der Hörner, was ist das Symfonieorkest Vlaanderen unter Poskas Leitung zu einem Toporkest geworden. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ein Mammut, das aus dem durch den Klimawandel geschmolzenen Permafrost aufsteht. Das Orchester spielt wie ein überwältigendes Tier, das das Publikum bis zur letzten Note in seinen Bann hält. "This is our music", prägt mir Poska ein, als ich mich nach dem Konzert kurz mit ihr unterhalte. Poska kommt aus Estland, das kulturell und sprachlich sehr eng mit Finnland verwandt ist.
Kristiina Poska dirigierte auch die letzte CD des Symfonieorkest Vlaanderen mit Beethovens zweiter und dritter Symphonie. Dort höre ich umso mehr, zu welchem Niveau dieses Orchester in den letzten Jahren aufgestiegen ist. Ein Segen für den Flamen, der ich bin, mit dem Symfonieorkest Vlaanderen als Hausorchester in der Concertzaal Bijloke. Ein Geiger, der Russland und die Ukraine in sich vereinigt, ein Orchester, das göttlich spielt … Nicht schlecht, um diesen Großen Versöhnungstag am Samstag, den 12. Oktober, abzuschließen.
Ergriffen
Eine Woche später steht erneut ein Violinfirment auf der Bühne, diesmal in der Brugger Concertgebouw. Die Norwegerin Vilde Frang ist seit mehr als zehn Jahren an der absoluten Spitze des Violinfirmaments. Sie wurde in jungen Jahren unter die Obhut von Anne-Sophie Mutter genommen und spielte mit den größten Orchestern und Dirigenten. Das Violinkonzert von Elgar wird zuvor kundig von Musikwissenschaftler Francis Maes eingeleitet. Er prägt uns ein, durch das Orchester zu lauschen und auf den intimen und zarten Violinklang von Frang zu hören.
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Marco Borggreve[/caption]
Während der Einleitung des Orchesters steht Vilde Frang tatsächlich mit etwas verlorenem Blick auf der Bühne mit ihrer Violine und Geigenbogen in der rechten Hand. Aber sobald sie zu spielen beginnt, spielt Vilde Frang das lange und durchgearbeitete Konzert hier und dort verhalten, in anderen Passagen wild und offen. Ein schwacher Wortgrapf, aber auch hier war ich überwältigt und vor allem ergriffen von den lyrischen und verhaltenen Passagen.
Mit ihren 38 Jahren ist sie eine Zeitgenossin des etwas jüngeren Marc Bouchkov.
Ohne große Wettbewerbe zu gewinnen, ist sie ein Produkt des sogenannten Sternensystems. In der klassischen Musik ist kein Platz für hundert Supertalente auf der Violine, obwohl es sie weltweit natürlich gibt.
Ich war kein Fan von ihr, fand sie im Barock- und Klassikrepuntorium von Bach bis Beethoven manchmal etwas ätherisch oder sogar manieriert. Aber heute Abend hat sie mich gepackt. Diese spätromantischen Werke sind ihr Habitat, wie sie auch in Konzerten von Korngold oder Benjamin Britten glänzt.
Zweite mal zweite von Sibelius
Nach der Pause steht erneut die zweite Symphonie von Sibelius auf dem Programm, so kann ich das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung des britischen Dirigenten Robin Ticciati mit dem Symfonieorkest Vlaanderen vom vergangenen Samstag vergleichen. Das erste, was auffällt, ist, dass dies in Brügge ein echter Konzertsaal ist, im Gegensatz zur umgebauten Krankenstation der Bijloke.
Während der zweiten Symphonie von Sibelius verstehe ich, was Poska meinte, als sie mir sagte, dass dies ihre Musik ist. Vielleicht spielen sie zu positiv oder zu idealistisch, es fehlt etwas. Man hört es zum Beispiel am Anfang des zweiten Satzes, beim Pizzicato der Kontrabässe und Celli. Bei diesem Orchester in Brügge gab es in diesem und anderen Passagen eine andere Dynamik, mit der man zwar Beethoven oder Brahms interpretieren kann, aber es fehlt die Verhaltenheit und Dunkelheit.
Flügel und Schnäbel
Dieser große Saal des Brugge Concertgebouw, der seit über zwanzig Jahren die größten Orchester, Ensembles und Solisten empfängt, ist nicht nur ein Genuss für die Ohren. Die vertikalen Elemente hinter der Bühne bieten einen farbenfrohen Anblick. Oben auf der Rückenlehne der Stühle stehen Verszeilen aus Gedichten. Auf den zwei Stühlen vor mir steht „Manche Menschen schauen in den Himmel und sehen Frauen mit Flügeln und Männer mit Schnäbeln". Genau das habe ich an diesen zwei Konzertabenden erlebt. In den kommenden Nächten werde ich von den Flügeln von Vilde Frang und dem Schnabel von Marc Bouchkov träumen.
Nach der zweiten Symphonie von Sibelius spielt das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin als Zugabe noch die bekannte Nimrod-Variation von Elgar. Nach dem Applaus und der stehenden Ovation tun die Orchestermusiker etwas, das meiner Meinung nach nur deutsche Musiker tun. Sie umarmen sich, als würde der Weltfrieden angebrochen sein. Alle Menschen werden Brüder…