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'Vlaemsch' (chez moi)

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'Vlaemsch' (chez moi)
© Filip Van roe

Diese Aufführung hatte ihre Uraufführung beim Zeeland Nazomerfestival 2022. Am vergangenen Himmelfahrtswochenende war sie vier Mal in deSingel zu sehen. Jedes Mal ausverkauft.

Das Publikum hat Sidi Larbi Cherkaoui eindeutig ins Herz geschlossen. Das Gesamtkonzept realisierte dieser außergewöhnliche Künstler mit ein paar flämischen Weggefährten. Für die Inszenierung zeichnete Bildkünstler Hans Op de Beeck verantwortlich, Modedesigner Jan-Jan Van Essche für die Kostüme und Floris De Rycker komponierte Musik für drei Solisten und zwei Musikanten.

Sidi Larbi Cherkaoui nimmt in dieser Aufführung seine doppelte Nationalität als Ausgangspunkt. Der niederländische Politiker Biesheuvel sagt in einem seiner Schriften: "Man wird in eine Geschichte, eine Epoche geworfen." Sidi Larbi Cherkaoui bestätigte sich künstlerisch. Die Künste im Allgemeinen als Entschädigung, Perfektion und Unvollkommenheit, das Rohe und Ungeschönte, der sehnsüchtige Mensch nach Schönheit. All dies führte zu einem reichhaltig abwechslungsreichen Leben mit sublimem Glanz. Er schoss sich sofort in die erste Liga des zeitgenössischen Tanzes. Sein Lebenslauf ist mittlerweile schwindelerregend.

Spiegelung


Ein Mann, der grundlegende Dinge aus autobiografischem, innerem Antrieb zu sagen hat. Eine doppelte Abstammung: Flämisch von der Mutterstelle und Marokkanisch von den Genen seines Vaters ist teilweise eine Bereicherung, manchmal auch zwei Wetterfronten, die zusammenkommen und es in deinem Kopf stürmt. Er sagte einmal in einem Interview: "Als Migrantenkind hast du sofort das Gefühl, gleichzeitig zuhause zu sein und ein Besucher zu sein." Leben ist Weitergabe. Von Wissen und Kenntnis, aber auch von Gefühlen, Wärme und Sanftheit. Er stellte seine doppelte Nationalität in Konfrontation und Dialog miteinander in eine Kreuzbestäubung.

Das Leben bleibt grau, wenn du es nicht einfärbst. Das kann sicherlich nicht von diesem Künstler gesagt werden. Cherkaoui wandert in der grauen Zone zwischen lokaler Verankerung und interkultureller Dialog. Er stellt den Reichtum seiner multikulturellen Herkunft in den Fokus und befreite sich von Klischees. Die Bühne dient als Gedächtnispalast, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem ästhetischen und philosophischen Manifest zusammentreffen.

Inszenierung


Wenn der Vorhang aufgeht, siehst du eine Art veredelten Schuppen mit Metalldachspanten und einer Dachluke. Ein rohes Gehäuse, in dem Räume geschaffen wurden. Grautöne überwiegen. Vorne rechts ist eine Art graues, staubiges Stillleben mit übergroßten Utensilien geschaffen: ein Krug, ein Becher, ein Leuchter, ein Buch, ein Totenschädel ...

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Eine Gruppe von vierzehn Tänzern aus aller Herrenländer (Japan, Amerika, Russland, Ukraine, Kongo, Kanada, Deutschland, Israel, Belgien …) tritt in Schwarz/Weiß mit einem Pinsel in der Hand auf. Sie ziehen Linien im Raum zu den wunderschönen Klängen des Musikers und Lautenspielers Floris De Rycker und seines Ensembles Ratas del Viejo Mundo. Die Laute, ein typisch flämisches Instrument mit als Vorgänger die arabische Oud. Es wird zu zweit getanzt, in Gruppen von drei oder vier, um in einer Art Reigentanz zu enden. Dazwischen läuft ein Mann mit einem Räuchergefäß durch das Haus, um es zu segnen und böse Geister zu vertreiben.

'Vlaemsch (chez moi)' hat etwas von Pointillismus. Kurz und fragmentarisch werden Besonderheiten angedeutet, Flandern im Griff der Kirche, die Juden, die in Antwerpen ihren Platz fanden, die Pfadfinder, Rubens macht seinen Auftritt und trägt sogar ein kleines Gedicht vor, das stark an den Stil und die Sprachfertigkeit von Guido Gezelle erinnert. Nach und nach wird Farbe in die Kostüme gebracht in einer Vielfalt von Charakteren: eine Krankenschwester, ein Metzger, ein Soldat, eine Braut, ein zorniges junges Mädchen, ein Biersteker …

In einem Himmelbett ruht die Mutter der Familie, verkörpert durch die Sängerin Christine Leboutte. Sie ist der rote Faden durch die Aufführung und gibt Erklärungen und Kommentar in Französisch und Niederländisch. Zur Hälfte der Aufführung schlüpft sie in eine Rüstung wie Dulle Griet aus dem berühmten Gemälde von Bruegel. Sie bekommt Gesellschaft von Fahrradtouristen und tritt selbst kräftig auf einem Heimtrainer. Eine Kreuzbestäubung auf mehreren Ebenen.

In eins, zwei, drei wird ein enormer Tisch gedeckt. Erst ein Quadrat, kurz darauf wird es ein langer, rechteckiger Tisch. Es wird ein Tableau geschaffen, das Bilder des Gemäldes 'Das Letzte Abendmahl' hervorruft. Sidi Larbi Cherkaoui beschränkt sich in seinen Aufführungen nicht nur auf eine beeindruckende Choreografie, sondern arbeitet jedes Mal mit Attributen. Hier sind es Rahmen. Was man damit alles anstellen kann, schöpft Sidi Larbi Cherkaoui bis ins Detail aus. Schafft sogar eine Wunderkammer damit mit Familienporträts, wo die Mutter der Familie mit Stecknadelstichen die wahre Natur der Personen enthüllt.

Sidi Larbi Cherkaoui versteht es, das Publikum zu verzaubern und zu fesseln in einem perfekten Aufbau aus ernsten, lyrischen und komischen Intermezzos. Die Tänzer zeigen phänomenale Dinge wie eine Lumpenpuppe, eine Charlie Chaplin-Imitation, einen Capoeira-Kampf, es gibt auch eine Sightseeing-Tour. Er macht auch klar, dass mittlerweile etwa 32% der belgischen Bevölkerung Migrationswurzeln hat oder eine ausländische Nationalität.

Wie in vielen seiner Aufführungen greift er auch hier auf die Polyphonie zurück, die verschiedenen Stimmen, sanft, kraftvoll, hoch, ätherisch vibrierend, umeinander wirbelnd. Es erklingen wunderbare arabische und afrikanische Klänge, die Emotionen freimachen. Töne, die in der gleichen Frequenz vibrieren wie die versteckten Plätze in deiner Seele in einer kulturellen Reflexion. Der Reichtum anderer Kulturen. Es gibt altfranzösische Musik, eine verzerrte flämische Volkshymne und das wunderbare dreistimmige 'Mijn platte land, mijn Vlaandrenland' von Jacques Brel, der eine Hassliebe zu Flandern hatte.

Am Ende tragen die Tänzer wieder ihre schwarz/weißen Outfits, wenden sich umeinander, malen sich gegenseitig im Raum. Die Synergie zwischen Tanz, Musik und Gesang ist beeindruckend. Sidi Larbi Cherkaoui macht erneut den Unterschied zwischen konzeptioneller Kunst und Kunst aus, die dich einfach ergreift durch ihre visuelle Kraft und die zugrunde liegende Botschaft.

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