Am Samstag, 8. August, trat JISR – BRÜCKE in einer Kammermusikbesetzung von fünf Musikern aus Marokko bei Young Euro Classic im Konzerthaus Berlin auf, mit Stücken aus der arabisch-andalusischen Tradition, die mehr als tausend Jahre zurückreicht. Weil ich mehr über diese Musik erfahren wollte, sprach ich vor dem Konzert mit Bandleader Mohcine Ait Ramdan. Leidenschaftlich erklärte er mir, warum arabisch-andalusische Musik eigentlich europäische Musik ist – und was ein falsch gekennzeichneter Kanal auf einem Mischpult damit zu tun hat. Weil wir zu wenig Zeit hatten, führten wir das Gespräch später fort. Im Folgenden folgt der Bericht eines inspirierenden und lehrreichen Gesprächs.
Es ist ein kleiner Moment, aber er ist der Moment, zu dem Mohcine Ait Ramdan greift, wenn man ihn nach dem Kern seiner Arbeit fragt. Ein Soundcheck, irgendwo, ein Tontechniker hinter seinem Mischpult. Auf einem der Kanäle steht "Hackbrett". Auf der Bühne steht jedoch kein Hackbrett, sondern ein Qanun, ein arabisches Hackbrett. Der Techniker kannte den Namen nicht und griff zum nächstgelegenen Wort, das er kannte. "Ehrlich gesagt lag er nicht so weit daneben," sagt Ramdan. "Das Qanun und das Hackbrett sind Verwandte voneinander. Beide Hackbretter. Das eine wird gezupft, das andere geschlagen." Er zeigte dem Mann das Instrument, nannte den richtigen Namen – und der Techniker, der sein Handwerk schon Jahrzehnte ausübte, war sofort begeistert. "Das meine ich," sagt Ramdan, "wenn man Musik macht, gibt es immer etwas Neues zu lernen. Für jeden."
Genau diese Verwechslung, dieses beiläufige Erkennen von Verwandtschaft, ist im Kleinen das, was Ramdan mit seinem Projekt JISR – arabisch für Brücke – im Großen zu tun versucht. Seit zehn Jahren bringt der in Marrakesch aufgewachsene, heute in München lebende Musiker Musiker aus völlig verschiedenen Traditionen zusammen. Mittlerweile sind es über siebzig, vom Studierenden bis zum Siebziger, quer durch Genres und Generationen hinweg.
Musik, die wegging und zurückkam
Für Ramdan ist diese Musik das beste Beispiel, wofür JISR steht. Sie kommt nämlich nicht, wie viele annehmen, "von anderswo". Sie "ist in Europa entstanden. In al-Andalus, auf der Iberischen Halbinsel", von wo aus sie nach Nordafrika zog und dort bis heute lebt. "Es ist also europäische Musik, die wegging und zurückkam," sagt er, "aber sie ist hier zu Hause. Genauso zu Hause wie jede andere Musik in Europa."
Am deutlichsten ist das am Instrument zu sehen: Aus der al-oud wurde die europäische Laute gemacht, und die Laute war im Mittelalter und in der Renaissance das zentrale Instrument Europas – die frühen Suiten wurden dafür geschrieben. "Die Barockmusik ist auf einem arabischen Instrument entstanden," sagt Ramdan. Mit der Laute reiste nicht nur ein Instrument mit, sondern eine ganze Art zu denken über Musik. Der Ursprung der Barockmusik ist daher nicht nur der Beginn einer eigenen europäischen Periode, sondern zugleich eine Weiterentwicklung von dem, was aus al-Andalus kam – "wie ihre DNA."
Nostalgie treibt ihn dabei nicht an. "Bewahren interessiert mich nicht," sagt Ramdan, "was mich interessiert, ist, was diese Musik heute noch kann, wenn sie auf ein Vibrafon trifft, eine chinesische Pipa, ein Trautonium."
Zuhören statt Einigkeit
Wie aus solch unterschiedlichen Systemen tatsächlich gemeinsame Musik entsteht, ist für Ramdan keine Frage der Kultur, sondern der Technik. Er nennt gleich zwei Beispiele. Das erste geht um Tonhöhe: Während ein westliches, temperiertes Instrument auf den zwölf Halbtönen festgelegt ist, die wir kennen, arbeitet arabisch-andalusische Musik mit Vierteltönen – Tonhöhen, die genau dazwischen liegen. Das zweite geht um Rhythmus: Während westliche Musik normalerweise in festen Takten von beispielsweise vier Schlägen denkt, baut diese Tradition auf lange, zyklische Rhythmusmuster von zehn Schlägen auf. "Da steckt die Arbeit," sagt Ramdan.
Die Lösung ist dabei niemals, dass jemand sein eigenes System aufgibt. Stattdessen sucht das Ensemble gezielt nach größeren gemeinsamen Bausteinen zwischen den Systemen – in Tonleiter, in Rhythmik, in der Struktur eines Stücks – und baut von dort aus weiter. "Das ist mühsamer," sagt Ramdan, "aber es ist das Einzige, das trägt."
Dabei wird wenig erklärt. "Nie durch Reden. Immer durch Spielen," sagt Ramdan. Was ihn bis heute überrascht, ist das Tempo, in dem Musiker ohne gemeinsame Sprache sich finden – manchmal innerhalb weniger Tage. Seine Erklärung: "Musik verlangt keine Einigkeit. Sie verlangt nur Zuhören." Kulturelle Vielfalt ist bei JISR ohnehin nicht das Thema, sondern die Grundlage, auf der gearbeitet wird: "Der Maßstab ist künstlerische Qualität, sonst nichts."
Außerdem wird fast ohne Noten geprobt – für klassisch ausgebildete Musiker oft der schwierigste Teil. Ramdan ist selbst Autodidakt und hat nie über Noten spielen gelernt: "Man spielt vor, der andere spielt nach, man hört zu, man korrigiert, man wiederholt. Was am Ende dasteht, steht nicht auf dem Papier, es sitzt im Gedächtnis." Der Lernprozess funktioniert dabei in beide Richtungen: Wer aus der Opernwelt kommt, muss lernen, ohne Partitur zu hören; wer aus einer mündlichen Tradition kommt, lernt umgekehrt, mit Noten zu arbeiten.
Ziryab, die Nouba und elf von vierundzwanzig
Die Wurzeln dieser Tradition führen nach der Überlieferung zu einem Musiker namens Ziryab zurück, der im neunten Jahrhundert von Bagdad nach Córdoba kam. Ihm werden zahlreiche Neuerungen zugeschrieben, darunter eine fünfte Saite auf der Laute – aber vor allem die Ordnung der Nouba, eine große zyklische Form mit einer festen Abfolge von Teilen, wobei das Tempo während des Verlaufs immer schneller wird. Der Legende nach gab es einmal vierundzwanzig Noubas, eine für jede Stunde des Tages, jede mit eigener Atmosphäre und eigenem Charakter. "Ich sage bewusst ‚nach der Überlieferung'," betont Ramdan, "denn vieles davon ist Geschichte und nicht bewiesen. Aber die Form selbst ist echt und alt." In Marokko sind heute noch elf der ursprünglichen vierundzwanzig Noubas erhalten geblieben – und genau damit wird gearbeitet.
Diese Musik lebt in Marokko noch immer: Orchester in Fès, Tétouan und Rabat pflegen das Repertoire, Konservatorien unterrichten es, aber es reicht längst über die Institute hinaus – im Radio, bei Hochzeiten, während der Nächte des Ramadan. "Als Kind in Marrakesch war dies für mich keine alte Musik," erinnert sich Ramdan: "Es war einfach die Musik, die es gab. Dass sie tausend Jahre alt ist, habe ich viel später verstanden."
Vom Wohnzimmer nach Berlin
JISR entstand ohne irgendeinen Plan. Es begann mit zwei geflüchteten Musikern, die vor etwa zehn Jahren nach München gekommen waren. "Wir spielten zusammen, weil es naheliegend war," sagt Ramdan. "Es gab kein Konzept, keinen Antrag, keine Subvention, keinen Namen. Wir hatten einen Raum und Instrumente." In zehn Jahren wuchs daraus das, was heute über siebzig Musiker umfasst – immer über persönliche Empfehlungen: Der eine nimmt jemanden mit, der andere kennt eine Harfenistin. Ramdans Lektion daraus: "Die Musik kommt zuerst, das Thema kommt hinterher. Wer mit dem Thema anfängt, bekommt ein Projekt. Wer mit der Musik anfängt, bekommt manchmal etwas, das bleibt." Eine feste Besetzung gibt es also nicht – für jedes Projekt bildet sich aus der Gruppe von über siebzig eine neue Konstellation, abhängig von dem, was das Stück verlangt: das eine Mal Gembri, Trautonium und Streicher, das andere Mal Oud, Pipa, Vibrafon und Harfe.
Für den Auftritt bei Young Euro Classic hatte das eine besondere Bedeutung. Das Festival stellt die Frage, was europäische Musik in der Zukunft sein wird – "und das ist genau unsere Frage," sagt Ramdan: "Al-Andalus war Europa, Córdoba war eine europäische Stadt. Für mich lautet die Frage also nicht, ob wir spielen dürfen. Sie lautet: Was meinen wir eigentlich, wenn wir europäische Musik sagen? Welche Klänge zählen wir mit, und welche haben wir irgendwann aufgehört mitzuzählen?" Auf der Bühne in Berlin standen daher junge Musiker aus Marokko – "nicht als Gäste von außen, sondern als Teilnehmer."
Am Ende des Gesprächs blieb für Ramdan ein Punkt: solche Begegnungen entstehen nicht von selbst: "Projekte liefern Ereignisse, aber Kontinuität liefern nur Institutionen." Wenn Klangbrücken wie diese keine Ausnahme bleiben sollen, müssen sie in die Konzertsäle, in die Programmierung, in die Ausbildung – eine Forderung, die im Mai auch der Deutsche Musikrat in einem Positionspapier anlässlich des UNESCO-Welttags der Kulturellen Vielfalt stellte. Was JISR auf der Bühne tut, steht dort mittlerweile schwarz auf weiß.
Zurück zum Soundcheck, zum Kanal mit "Hackbrett" drauf. Es war ein Fehler, aber ein aussagekräftiger: jemand, der das Unbekannte mit dem benannte, was er bereits kannte, und damit zufällig der Wahrheit näher kam, als er vermutete. Vielleicht ist das am Ende auch das, was JISR mit diesem Konzert am Samstagmittag in der Werner-Otto-Saal tat – nicht erklären, dass zwei Musikwelten verwandt sind, sondern es einfach hören lassen, und das Publikum den Rest ausfüllen lassen. Eine Brücke baut man nicht, indem man an beiden Ufern beweist, dass sie gleich sind. Man baut sie, indem man Menschen darüber gehen lässt.

