Wer die deutsche Barockmusik auf Johann Sebastian Bach allein reduziert, übersieht eine reiche und vielseitige musikalische Landschaft. Genau diese breitere Perspektive steht im Mittelpunkt der fünften Ausgabe von FestiVita! Brussels Early Music Festival, das vom 11. bis 15. Februar 2026 im Cercle Royal Gaulois in Brüssel stattfindet. Dieses Mal richtet das Festival seinen Fokus auf Dresden und Sachsen, im 17. und 18. Jahrhundert eines der einflussreichsten musikalischen Machtzentren Europas, wo Musik ein wesentlicher Bestandteil von Hofzeremoniell, Religion und internationaler Repräsentation war.
Dresden als musikalischer Knotenpunkt
Der Hof der Sächsischen Kurfürsten – und später Polen-Könige – war ein Schmelztiegel von Stilen und Ambitionen. Italienische Operntradition, französische Hofkultur und deutsche kontrapunktische Strenge trafen sich in einer Umgebung, in der Musik sowohl devotional als auch repräsentativ funktionierte. Komponisten wie Heinrich Schütz (1585-1672), Johann Hermann Schein (1586-1630), Johann David Heinichen (1683-1729), Jan Dismas Zelenka (1679-1745) und andere Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) profitierten von einem außergewöhnlichen musikalischen Ökosystem, das Dresden den Ruf der „Florenz an der Elbe" einbrachte. FestiVita! nutzt diesen Kontext, um die deutsche Barockmusik nicht als Stil, sondern als Kultur zu beleuchten.
Das gewählte Ambiente verstärkt diesen Zugang. Der Cercle Royal Gaulois mit seinen Salons und historischen Sälen bietet eine Intimität, die der ursprünglichen Aufführungspraxis vieler Barockmusik entspricht. Keine großflächige Konzerterfahrung, sondern ein Hörerlebnis, in dem Nähe und Raum sich gegenseitig ausbalancieren, und in dem sich das Publikum vorübergehend in einem Musiksalon des 18. Jahrhunderts wähnt.
Von Konzertpraxis zur Kulturerfahrung
Die künstlerische Leitung dieses Festivals liegt in den Händen von Peter Van Heyghen und Kris Verhelst, beide vertraute Namen der historisch informierten Aufführungspraxis. Mit Ensembles wie Ricercar Consort, BachPlus und dem Sweelinck Barokorkest präsentiert das Festival ein Kernprogramm, in dem das Sächsische Repertoire aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. So steht eine Aufführung des Kyrie und Gloria aus Bachs Hohe Messe neben geistlicher Musik von Schütz und Schein, und orchestraler Pracht von Zelenka und Heinichen – Komponisten, die erst in den letzten Jahrzehnten die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen, nicht zuletzt durch das erneuerte Interesse an der Dresdner Hofmusik.
Wie mittlerweile charakteristisch für FestiVita! ist, beschränkt sich das Festival nicht auf das typische Konzertformat. Musik wird als Teil einer umfassenderen Kulturgeschichte erfasst. Der historische Bal 1820 am Valentinstag belebt die soziale Tanzpraxis des frühen 19. Jahrhunderts, mit Live-Musik und Choreografien basierend auf historischen Tanzanleitungen, während das Banquet-qu'on-sert ein Barockbankett mit musikalischen Intermezzos kombiniert, im Geiste der Hofkultur, in der Kunst und Gastronomie eng verwoben waren. Daneben gibt es Nachtmusiken bei Kerzenlicht, ein Erzählkonzert für junge Zuhörer und Aufmerksamkeit für Instrumentenbau und Handwerk, in denen historischer Klang und Handwerkskunst im Mittelpunkt stehen.
Auch die Zukunft der Alten Musik erhält Aufmerksamkeit. Mit dem Première-Wettbewerb bietet FestiVita! jungen Ensembles ein Podium rund um das zentrale Thema dieser Ausgabe. Die anschließende Première Rencontre schafft Raum für Reflexion und Austausch und unterstreicht das Engagement des Festivals für Talententwicklung und künstlerischen Dialog, eine seltene, aber wertvolle Ergänzung in der Festivallandschaft.
Nach fünf Ausgaben ist FestiVita! zu einem Festival mit klarer Identität herangewachsen: historisch fundiert, aber nicht museumshaft; kleinformatig, aber ambitioniert. Indem Dresden und Sachsen in den Mittelpunkt gestellt werden, erinnert das Festival daran, wie international, vielschichtig und überraschend die deutsche Barockmusik war – und es noch sein kann. Für diejenigen, die bereit sind, über den vertrauten Kanon hinaus zu hören, bietet FestiVita! eine mehr als überzeugende Einladung, in der Musik erneut als lebende Kunstform erlebt wird, eingebettet in ihren historischen Kontext.
Klassiek Centraal wird noch ausführlicher über dieses Festival berichten.
Weitere Informationen findest du hier: https://festivita.be/nl/festivita-2026/programma-festivita-2026/