Am Dienstag, den 17. Juni um 20u30 bildet die Sint-Michiel Vredeskerk in Leuven das Bühnenbild für eine außergewöhnliche musikalische Begegnung. Unter dem Motto Bach & Mozart: dubbel meesterschap würdigen die Organisten Jean-Philippe Merckaert und Megumi Tokuoka zwei der größten Komponisten der westlichen Musikgeschichte. Aber dieses Konzert ist mehr als eine Hommage: Es ist eine Erforschung von Musiktradition, Erneuerung und Vorstellung. Was wäre, wenn Mozart wie Bach ein beträchtliches Orgelrepertoire hinterlassen hätte?
ein imaginärer Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) nannte die Orgel einmal liebevoll „die Königin der Instrumente". Dennoch hinterließ er nur eine Handvoll Werke, in denen die Orgel eine prominente Rolle spielt. Was wäre, wenn er älter geworden wäre und sein Amt als Kapellmeister des Wiener Stephansdoms Jahrzehnte lang ausgeübt hätte? Hätten wir dann nicht ein vollständiges Corpus von Orgelmusik gekannt, wie bei Johann Sebastian Bach (1685–1750)?
Es ist ein Gedankenexperiment, das dieses Konzert inspiriert. Nicht Mozart am Fortepiano, sondern am Orgelklavier. Nicht Opernhaus oder Konzertsaal, sondern die zurückhaltende Atmosphäre eines Kirchenraums. Nicht Publikum, das applaudiert, sondern eine sakrale Stille, die bei jeder Note mitschwingt.
die Orgel als historisches Barometer
Wim Winters, Titularorganist der Contiusorgel in der Sint-Michielskerk und Mitglied des Künstlerischen Rats der Contius Foundation, und der Orgelbauer Joris Potvlieghe stellen die Konfrontation zwischen Bach und Mozart in einen breiteren historischen Kontext. Zur Zeit Bachs war die Orgel das Zentrum des Musiklebens. „Der Organist und Kapellmeister waren die Kernfiguren in der musikalischen Landschaft des 18. Jahrhunderts", so Potvlieghe. „Aber mit dem Aufstieg Mozarts begann diese Welt zu verschwinden."
Im späten achtzehnten Jahrhundert verlor die Kirche ihr Monopol auf Musikproduktion. Komponisten arbeiteten zunehmend für das bürgerliche Konzertpublikum. Künstler wie Mozart und später Beethoven wurden unabhängige Unternehmer statt Hof- oder Kirchenfunktionäre. Die Orgel, einst das Herzstück des Musiklebens, wurde zur Kuriosität: beeindruckend in ihrer Gestalt, aber an den Rand der neuen bürgerlichen Musikkultur gedrängt.
eine historische Begegnung
Doch es gibt Momente, in denen sich die Welten von Bach und Mozart fast greifbar berühren. So berichtet Winters von einem faszinierenden Vorfall während Mozarts Besuch in Leipzig 1789. Dort traf er einen Schüler Bachs, der ihn zu einem improvisatorischen Duell herausforderte. Mozart antwortete mit einer Fuga, die Zeugen zufolge noch komplexer war als das, was der Schüler selbst gezeigt hatte. Das war kein Zufall, sondern zeugte von einer durchgehenden Beherrschung des Kontrapunkts.
Ein anderer denkwürdiger Moment ereignete sich, als Mozart eine Aufführung einer Kantate von Bach hörte. Er war so begeistert, dass er die Partitur ansehen wollte, sie komplett abschrieb und sich laut verwunderte, dass er selbst noch etwas davon lernen konnte. Ein schöner Beweis dafür, dass Mozart, auch in seinen späten Jahren, offen blieb für die Tiefe und Struktur von Bachs Oeuvre. Seine Fantasia in f und dubbelfuga zeugen von dieser späten Faszination für Polyphonie und Orgelstil.
Wiedergeburt eines Instruments
Nach Mozarts Tod blieb die Orgel jahrhundertelang im Hintergrund. Das Publikum und die Bühnen hatten ihre Aufmerksamkeit auf die Symphonie, die Oper und das virtuose Solokonzert verlegt. Nur in privaten Kreisen wurde Bachs Musik weiterhin gepflegt, oft in Form handgeschriebener Kopien. Mozart erhielt durch Graf Gottfried van Swieten Zugang zu solchen Manuskripten, darunter Das wohltemperierte Klavier.
Erst mit Felix Mendelssohn-Bartholdys legendärer Aufführung der Matthäuspassion (1829) fand Bachs Musik wieder breit Eingang. Dies führte nicht nur zu einer Neubewertung von Bachs Kompositionen, sondern auch zu erneuerten Interesse für die Orgel als ausdrucksvolles Instrument. Die Wiederentdeckung der Barockorgel ging Hand in Hand mit einem breiteren historischen Bewusstsein für Musiktraditionslinien. Und heute bleibt dieser Geist, dank Ausführenden wie Jean-Philippe Merckaert und Megumi Tokuoka, quicklebendig.
zwei Meister, eine Bühne
Das Konzert Bach & Mozart: dubbel meesterschap verspricht also mehr als eine musikalische Aufführung. Es ist eine Evokation zweier Welten: die eine verwurzelt im lutherischen Norddeutschland des 18. Jahrhunderts, die andere im lebendigen, kosmopolitischen Wien. Bach steht für die tiefdringende theologische Symbolik und strukturelle Perfektion; Mozart für die emotionale Kraft und melodische Geschmeidigkeit der Aufklärung. Zusammen verkörpern sie eine Brücke zwischen Spiritualität und Humanismus.
Dass die Aufführung auf der Contiusorgel in der Sint-Michiel Vredeskerk stattfindet, ist kein Zufall. Dieses Instrument, nach historischen Vorbildern gebaut, ist eine Ehrerbietung an das barocke Klangideal und bietet zugleich eine frische Perspektive auf das Potenzial der Orgel in einem modernen Konzertrahmen. Merckaert und Tokuoka kennen das Instrument gründlich und verstehen es, sowohl die technische Raffinesse als auch die emotionale Tiefe des Repertoires vollständig auszuschöpfen.