Ich schreibe 1988: Das ist inzwischen einfach das vorige Jahrhundert. Ich war damals noch Domkantorbässe, vollauf beschäftigt mit meiner Entdeckungsreise durch die Literatur, und – ich gebe es freimütig zu – ein ziemlich fanatischer Alter-Musik-Nerd. Ich saß mitten in meiner Monteverdi-Phase und lieh mit religiösem Eifer CDs aus der Bibliothek aus, um sie anschließend auf Cassette zu kopieren. Das Ziel war so einfach wie obsessiv: eine möglichst vollständige eigene Sammlung aufbauen.
Und dann kam diese Aufnahme von Pergolesis Stabat Mater.
Michael Chance und Gillian Fisher. Bis heute bleibt dies für mich die Referenz-Aufführung des Werkes. Vielleicht ist das nicht ganz gerecht gegenüber all den Aufführungen, die ich seitdem gehört habe, aber einige Aufnahmen setzen sich nun einmal so tief in dein musikalisches Gedächtnis, dass sie unauslöschlich werden. Was Chance, Fisher und The King's Consort hier realisiert haben, ist wörtlich in meinen Kopf gemeißelt.
Die Begleitung durch The King's Consort ist dabei mindestens genauso wichtig. Dies war noch die unumstrittene Periode von Robert King, als das Ensemble zu Recht als eine der absoluten Referenzen in der historischen Aufführungspraxis galt. Transparent, stilvoll, elegant und zugleich warm: genau das, was diese Musik spannend macht.
Deshalb auch volles Lob für Hyperion, das diese Aufnahme wieder verfügbar macht. Und hier kommt die kleine Überraschung: Ich bespreche keine CD, sondern eine Neuausgabe auf Vinyl.
Das wirft natürlich sogleich eine Frage auf. Warum sollte jemand heute eine Schallplatte kaufen, wenn die gleiche Aufnahme gestreamt werden kann und zudem auch auf CD erhältlich ist, mit zusätzlicher Musik dazu (In Caelestibus Regnis)?
Objektiv betrachtet scheint das nicht besonders logisch.
Aber vielleicht liegt genau darin das Wesen des Musikerlebens.
Eine Platte aufzulegen ist eine bewusste Handlung. Hören wird wieder zu einer Aktivität statt zu Hintergrundmusik. Auf halbem Wege musst du aufstehen, um die Platte umzudrehen. Das klingt banal, aber diese physische Beteiligung verändert etwas Fundamentales. Du entscheidest dich bewusst zum Hören. Nicht um Musik wie Tapete durch den Raum schweben zu lassen, während du gleichzeitig zwanzig andere Dinge tust.
Versteh mich nicht falsch: Ich bin ein großer Fan von Streaming. Es hat mir die letzten Jahre unzählige Entdeckungen beschert. Aber Vinyl bietet etwas anderes. Es lädt ein zu Langsamkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration. Und gerade das sind Eigenschaften, die gute Musik verdient.
Darüber hinaus gibt es noch ein anderes Argument. Dieses wunderbare Cover.
Seien wir ehrlich: Als die CD die Kontrolle übernahm, verloren wir auch etwas. Die kleinen Kunststoffboxen waren praktisch, aber selten Objekte, um sich in sie zu verlieben. Ein schönes LP-Cover dagegen darf bewundert werden. Das stellst du ostentativ ins Regal. Hyperion hat schon immer einen Ruf für geschmackvolle Gestaltung gehabt, und auch hier ist das Teil der Anziehungskraft.
Aber gut: genug über das Medium. Letztendlich geht es um die Musik. Und die bleibt phänomenal.
Ich werde nicht wiederholen, was Kritiker vor vierzig Jahren bereits geschrieben haben. Ich halte es einfach: Für mich bleibt dies die Referenz. Jeder Teil von Pergolesis Meisterwerk wird mit einer seltenen Kombination aus Leichtigkeit und Gravitas gesungen. Wo nötig gibt es Drama, wo möglich Eleganz. Die italienischen Verzierungen klingen selbstverständlich und niemals gekünstelt.
Und darf ich einen kleinen Frevel begehen? Für mich funktioniert die Kombination von Sopran und Countertenor einfach besser als zwei Soprane, zwei Mezzo-Soprane oder zwei Männerstimmen. Die Begegnung zwischen der weiblichen Sopranklangfarbe von Gillian Fisher und der ätherischen Färbung von Michael Chance schafft einen Reichtum an Kontrasten, der perfekt zur emotionalen Welt des Stabat Mater passt. Das Ergebnis besitzt eine Tiefe und Farbschattierung, die ich in nur wenigen anderen Aufnahmen oder Aufführungen finde.
Es hilft natürlich, dass beide Solisten absolute Spitzenmusiker sind.
Gillian Fisher war in den neunziger Jahren und frühen Nullerjahren besonders aktiv. In letzter Zeit ist es auffallend still geworden um ihren Namen. Im gesegneten Alter von inzwischen 76 Jahren genießt sie hoffentlich einen ruhigen, melomanischen Lebensabend. Dennoch bin ich neugierig. Also, lieber Leser: Wissen Sie, wie es ihr geht? Hinterlassen Sie gerne einen Kommentar.
Und dann Michael Chance. Jahrelang habe ich seiner Karriere gefolgt, zusammen mit der des verstorbenen James Bowman. Beide gehören zu dieser großen Generation von Countertenören, die auf dem Pionierwerk von Alfred Deller aufbauten. Chance verfügt über eine einzigartige Kombination aus technischer Beherrschung, Intelligenz und Musikalität – Qualitäten, die in dieser Aufnahme jederzeit hörbar sind.
Heute ist er nicht mehr als Sänger aktiv, aber als Lehrer, Mentor und Organisator von unter anderem The Grange Festival und Gesangsausbildungen in Italien. Ein schönes Detail: Das musikalische Talent scheint vererblich zu sein. Sein Sohn Alex Chance macht sich inzwischen selbst als Countertenor einen Namen und singt beim ebenso legendären Ensemble The Gesualdo Six.
Also, lieber Leser und Mitmelomane, gönnen Sie sich einen kleinen Moment musikalischer Entschleunigung. Kehren Sie zu dieser Aufnahme zurück. Streamen Sie sie gerne, wenn das Ihre Vorliebe ist. Aber vielleicht ist dies genau so eine Veröffentlichung, die nach einer Schallplatte verlangt. Aus Nostalgie. Aus Überzeugung. Wegen des wunderschönen Artwork. Weil Hyperion ein Label bleibt, das Liebe zur Musik atmet. Oder ganz einfach, weil Sie sich eine Stunde lang in Ihren Sessel zurückziehen, die Welt ausblenden und bewusst zuhören möchten einer Aufführung, die die Zähne der Zeit mit Glanz bestanden hat. Die Platte (51 Minuten) können Sie ab 18. September erwerben.
https://www.hyperion-records.co.uk/dc.asp?dc=D_LPA66294
Aufnahme: 1987
Ort: St Jude-on-the-Hill, Hampstead Garden Suburb, London